Zwei Tage nach dem Fall der Mauer verlässt das Ehepaar Bischoff sein altes Leben – die Wohnung, den Garten, die Arbeit und das Land. Ihr Sohn Carl wiederum flieht nach Berlin. Er lebt auf der Straße, bis er in den Kreis des "klugen Rudels" aufgenommen wird, eine Gruppe junger Leute, die einen Guerillakampf um leer stehende Häuser führt und die Kellerkneipe "Assel" betreibt. Lutz Seilers neues Buch ist sowohl Roadtrip als auch Berlin-Roman der wilden Nachwendezeit, das ganz nebenbei die Geschichte einer Familie erzählt, die der Herbst '89 sprengt und die nun versuchen muss, neu zueinanderzufinden.
Kundinnen und Kunden meinen
4.1/5.0
Circlestonesbooks.blog
5/5
02.06.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein packendes, überzeugendes…
Ein packendes, überzeugendes Leseerlebnis „Obwohl sein Leben hinter dem Bombenwäldchen in der Rykestraße 27 vielleicht schäbig und ärmlich aussah (das Matratzenfloß auf den kalten Dielen, ein toter Schwarzweißfernseher als Anlegestelle), hatte er das Wort Armut bisher nie gedacht. Und wenn schon: ein armer Dichter zu sein, schien nicht verkehrt, wenn man ein Dichter war.“ (Zitat Seite 174) Inhalt Seine Eltern bitten Carl Bischoff, Student, sechsundzwanzig Jahre alt, nach Hause zu kommen, da sie mit ihm etwas besprechen wollen. Nach Hause, das ist Gera, gerade ist die Mauer gefallen und seine Eltern Walter und Inge, fünfzig und neunundvierzig Jahre alt, teilen ihm mit, dass sie weggehen. Er möge bitte auf die elterliche Wohnung aufpassen. Doch Carl kommt mit der Situation allein nicht zurecht und fährt nach Berlin. „Wie seine Eltern hatte er keine Adresse vor Augen gehabt, er war abgefahren ohne Ziel, nur mit irgendeiner Phantasie im Kopf, bei der man nicht wohnen konnte.“ (Zitat Seite 55). Er schließt sich einer Gruppe von Hausbesetzern an und bezieht selbst eine Wohnung in einem Abbruchhaus. Eine Werkbank, die jemand zurückgelassen hat, wird sein Schreibtisch. Dort verbringt er seine Zeit, schreibt an seinen Gedichten, hofft auf den Durchbruch, träumt davon, sein erstes eigenes Buch in Händen zu halten. Gleichzeitig hilft er mit, das Kellerlokal Assel als Treffpunkt, Kaffeekneipe auszubauen, als Asyl für die unterschiedlichsten Menschen, Außenseiter der Gesellschaft. Die Briefe seiner Mutter berichten ihm von der Reise seiner Eltern auf dem Weg zur Erfüllung eines jahrzehntealten Traumes. Thema und Genre In diesem Roman geht es um die Nachwendezeit in Deutschland, um viele Facetten von Zusammenhalt, Freundschaft und Liebe, um Hoffnungen, Chancen und Träume, aber auch um die mit den raschen Veränderungen verbundene Unsicherheit und Ängste. Charaktere Carl hat in diesen Jahren direkt nach dem Wendejahr 1989 sein eigenes Leben noch nicht entdeckt, zutiefst unsicher, zweifelt er an seinem Erfolg als Schriftsteller und die Angst vor Absagen blockiert ihn. Obwohl Carl mit Mitte Zwanzig zu diesem Zeitpunkt längst ein eigenes Leben führt, fühlt er sich als Kind, von seinen Eltern im Stich gelassen. Inge, seine Mutter ist dagegen flexibel, passt sich jeder Situation aktiv an, sie entscheidet operativ (eines ihrer Lieblingsworte), will endlich ihren und Walters Traum verwirklichen. Wir lernen in dieser Geschichte viele unterschiedliche Charaktere kennen und neugierig folgen wir ihnen, gespannt, wohin sie der Weg führen wird. Kurz treffen wir auch Ed und Kruso in Berlin wieder. Handlung und Schreibstil Es sind zwei Geschichten, die uns der Autor hier erzählt. Die erste, in deren Mittelpunkt Carl, ein angehender, junger Schriftsteller steht, spielt im gerade wieder vereinten Berlin, wo nicht nur die Menschen selbst, sondern auch die Stadt auf der Suche nach einem Weg aus dem Chaos in die Zukunft zu sein scheint. Die zweite Handlung erzählt von den Problemen und der schwierigen Situation jener Menschen, die Ostdeutschland sofort verlassen und im Westen auf einen Neubeginn hoffen. Stern 111, der Titel, ist die Marke eines Kofferradios, das damals die erste Anschaffung der jungen Familie Bischoff gewesen ist und die Familie all die Jahre begleitet hat, ein Symbol ihrer Zusammengehörigkeit. Damals waren es die gemeinsam gehörte Musik und Meldungen, nun ersetzt durch die Berichte in den Briefen seiner Mutter. Die Ereignisse in der Gegenwart werden ergänzt durch Erinnerungen. Es sind einzelne Situationen oder Worte, die Carl zurück in seine Kindheit führen, nach Gera und in die Geborgenheit der Familie, die plötzlich im Jahr 1989 zu Ende ist. Als er in Berlin seine Liebe Effi wiedersieht und von einer gemeinsamen Zukunft träumt, ist es daher für Carl nicht einfach für sich selbst zu definieren, wie „zusammen sein“ funktioniert. Faszinierend ist auch in diesem Roman die eindrückliche, aber gleichzeitig unglaublich leicht
Bewertung
5/5
06.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Roman Stern 111 von Lutz Seiler ist der diesjährige Preisträger der Leipziger Buchmesse. Es ist die Geschichte einer Familie kurz nach der Wende, bei der sich die Wege erstmal trennen. Das Ehepaar Bischof verlässt sein altes Leben, die beiden landen in Notaufnahmelagern und Durchgangswohnheimen um ihrem Lebenstraum zu folgen. Ihr Sohn Carl flieht nach Berlin, lebt auf der Straße und schließt sich einer Gruppe von Hausbesetzern an. Der Roman erzählt ein dichtes Stück Zeitgeschichte in einer wunderbaren Sprache. Unverkennbar ist, das Lutz Seiler vor seinen Romanen Kruso und Stern 111 Lyrik verfasst hat. Ein echter Lesegenuss!
Bewertung
aus Bamberg
5/5
09.11.2020
eBook (ePUB)
Roman über die Wendezeit - mehr als Geschichte
Am liebsten würde ich dem Autor Lutz Seiler schreiben: Sie nehmen mich mit in eine Welt, die ich glaubte zu kennen und in eine Zeit, in der ich bewusst gelebt habe. Virtuell habe ich mir die Rykestr.27 und die Umgebung in Prenzlauer Berg angeschaut. Und wenn ich dort von Carl gelesen habe, habe ich mich auf Inge und Walter, seine Eltern gefreut, die ihre Erfahrungen im Westen gemacht haben. Eigentlich ein Buch zum Durchlesen, aber ich bin geblieben und habe mich Tag für Tag auf neue Seiten gefreut. Literatur wie ich sie liebe: politisch, real, eloquent!!!
Bewertung
aus Mandelbachtal
5/5
19.09.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Stern 111 von Lutz Seiler
Ich habe dieses Buch während meines Urlaubs regelrecht verschlungen. Die Charaktere der einzelnen Personen waren sehr gut dargestellt.
Die Reflexionen von Carl, die immer wieder hoch kamen, konnte man gut nachvollziehen.
Bewertung
aus Zürich
5/5
07.09.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Passiert da auch mal etwas?
Auch wenn ich mich heimatlich mit diesen Buch verbunden fühle (weshalb ich mich auch entschied, es zu lesen), wird daraus niemals eine Liebe entstehen...Es wird erzählt und erzählt und erzählt...ich frage mich andauernd: Passiert da eigentlich auch mal etwas? Nein bis jetzt nicht und ich sträube mich, meine Zeit weiterhin mit diesem Buch zu verschwenden, also lasse ich es lieber bleiben. So ein langweiliges Buch habe ich wahrscheinlich zuletzt in meiner Schulzeit gelesen! *Gäääähn*.
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5/5
27.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Jahr wie ein Leben
Mit enormer Sprachgewalt erzählt Lutz Seiler in zwei Handlungssträngen die Geschichte Carls, der alleine im Dschungel der anarchischen wilden Hausbesetzerszene in Ostberlin seinen Weg und das perfekte Gedicht sucht sowie die Geschichte seiner Eltern, die auf den Spuren ihrer Jugendträume von Gera nach Westdeutschland aufgebrochen sind. Seiler zeichnet ein nuancenreiches Gemälde einer Zeit voller Aufbruch und Anfang. Sicherlich ist dieses Buch eine große Herausforderung an den Leser und doch empfehle ich: lassen Sie sich darauf ein, es lohnt sich!
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5/5
04.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Lutz Seiler schafft es, die diffuse...
Lutz Seiler schafft es, die diffuse Gefühlslage und Irritation seiner Protagonisten in Zeiten plötzlich unerwarteter Freiheiten, in unfassbar guter Sprache darzustellen. Für mich ist Lutz Seiler momentan der beste deutschsprachige Autor.
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5/5
03.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großartig,wie Seiler die Atmosphäre...
Großartig,wie Seiler die Atmosphäre in (Ost-)Berlin nach dem Mauerfall einfängt!Es geht um Hausbesetzungen,Spekulanten,gewonnene Freiheiten,neue Möglichkeiten und die Ängste,die eigene Vergangenheit dafür zu verlieren.Ein Staat verschwindet und seine Bürger suchen ihre Identität.
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4/5
19.06.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein DDR-Roman - aber so viel mehr
Letztes Jahr gewann Anke Stelling den Preis der Leipziger Buchmesse für "Schäfchen im Trockenen". Ich habe noch nicht alle Preisträger gelesen, aber neben Georg Kleins "Roman unserer Kindheit" war das mein liebster gewinnender Roman bisher.
"Stern 111" knüpft nicht nahtlos daran an, ist aber für sich genommen ein starkes Werk. Die melancholisch stimmende, aber nie melodramatische Entfremdung zwischen Sohn Carl und seinen Eltern Walter und Inge im Rahmen der Wende ist mitreißend geschildert. Seiler entlarvt seine Figuren zwar, nimmt ihnen aber nie ihre Würde, sodass man auf ihrer Seite bleibt, selbst wenn sie Entscheidungen treffen, hinter denen man nicht steht.
Zwischendurch gibt es auch ein Wiedersehen mit der Welt aus Seilers Erstlingswerk "Kruso", und im Vergleich besticht "Stern 111" durch seine weiter gefasste Perspektive. Zwar trifft Seilers Stil nicht den Kern meiner Präferenz - zu wenig offen sind die Figuren häufig in ihren Emotionen -, aber er ist spannend genug, dass ich mich auf sein nächstes Werk freue.
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4/5
20.04.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wohin, wenn Alles anders wird?
Lutz Seiler erhielt bereits 2014 für seinen hervorragenden Roman "Kruso" den Leipziger Buchpreis.
Auch dieses Jahr 2020 konnte er mit "Stern 111" die Jury überzeugen!
Carl wird von seinen Eltern mit der Einweihung in ihre Pläne im Herbst 1989 vollkommen überrascht...
Kaum ist die Mauer der DDR zur BRD die ersten Tage geöffnet, nehmen sie ihr nötigstes Hab und Gut unter den Arm und verlassen nicht nur ihr Zu Hause, sondern auch ihren Sohn Carl mit der Bitte von nun an Alles zu versorgen.
Er fühlt sich von diesem Zustand sichtlich überfordert und entwickelt eine Abneigung gegen diesen Zustand.
"Eigentlich verlassen doch die Kinder das Elternhaus und nicht die Eltern, oder?"
Sein Weg führt ihn nach Berlin zur Wendezeit, ein magischer Ort verschrobener skurriler, aber nicht unsympathischer Gestalten, die sich der Rettung der Häuser verschrieben haben. Auch eine Kneipe darf nicht fehlen, die Assel, die Heimat wird.
Abwechslungsreich und durchaus sogar humorvoll in poetischer Manier nimmt uns Lutz Seiler mit auf einen beispiellosen Roadtrip der Eltern und Lutz durch die chaotische und revolutionäre Zeitspanne.
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