Leyla ist die Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden... Das ergreifende Debüt der Gewinnerin des Publikumspreises des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs (2019) über das Dasein zwischen zwei Welten
Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen. Ronya Othmanns Debütroman ist voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt.
Kundinnen und Kunden meinen
4.4/5.0
Bewertung
aus Moosburg
4/5
16.08.2020
eBook (ePUB)
Keine leichte Lektüre
Das Dorf liegt in Nordsyrien, nahe zur Türkei. Jeden Sommer verbringt Leyla dort. Sie riecht und schmeckt es. Sie kennt seine Geschichten. Sie weiß, wo die Koffer versteckt sind, wenn die Bewohner wieder fliehen müssen. Leyla ist Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden. Sie sitzt in ihrem Gymnasium bei München, und in allen Sommerferien auf dem Erdboden im jesidischen Dorf ihrer Großeltern. Im Internet sieht sie das von Assad vernichtete Aleppo, die Ermordung der Jesiden durch den IS, und gleich daneben die unbekümmerten Fotos ihrer deutschen Freunde. Leyla wird eine Entscheidung treffen müssen. Ronya Othmanns Debütroman ist voller Zärtlichkeit und Wut über eine zerrissene Welt. (Klappentext)
Genauso wie Leyla hin- und hergerissen ist, so bin ich es auch nach dem Lesen dieses Buches. Auf der einen Seite wird sehr eindrucksvoll das Leben in Nordsyrien bei ihren Großeltern geschildert, auf der anderen Seiten das fast unbeschwerte Leben in Deutschland, hier in München. Es prallen zwei verschiedenen Welten aufeinander. Der Schreibstil ist sehr einfühlsam, ja fast sensibel und klar verständlich. Man kann sich nach einiger Zeit in Leyla und ihre Gefühlswelt hineinversetzen. Es ist sicherlich keine leichte Lektüre, die mich stellenweise auch nachdenklich gemacht hat.
Bewertung
5/5
20.07.2022
Buch (Taschenbuch)
Ein kleines, aber unglaublich kraftvolles Buch
Dieses Buch täuscht einen durch sein Cover. Bei so einer Farbe muss die Geschichte doch zart und schön sein, dachte ich. Aber so kann man sich täuschen! Ronya Othmann, eine noch sehr junge Autorin (Jahrgang 1993), hat ein sehr kraftvolles, nachdenklich stimmendes und auch trauriges Buch geschrieben, für das sie inzwischen bereits einige Auszeichnungen erhalten hat.
Sowohl die Autorin Ronya Othmann als auch ihre Hauptfigur Leyla wurden beide 1993 in Deutschland geboren. Ihre Mutter kommt aus dem Schwarzwald und der Vater kommt aus Syrien, ist aber staatenlos, weil er ein jesidischer Kurde ist. Bei diesen Übereinstimmungen darf man annehmen, dass der Roman viele autobiografische Züge trägt.
Am Anfang des Buches scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Leylas Familie lebt in Deutschland, verbringt aber die Sommer bei der Familie in Nordsyrien mit Blick auf die Türkei. Dies beginnt als Leyla so 3 oder 4 Jahre alt ist. Sie genießt die Sommer bei ihren Großeltern väterlicherseits und den ganzen Onkeln und Tanten, Cousins und Cousinen. Sie erlebt dieses fremde Leben als etwas ganz Natürliches. Die Menschen sitzen auf dem Boden, schlafen im Sommer auf dem Dach der einfachen Häuser und kuscheln sich aneinander. Männer von Frauen getrennt. Leyla lernt über die Familie das typische Essen der Familie ihres Vater kennen, lieben und auch zuzubereiten. Ihre Großmutter erklärt ihr den jesidischen Glauben und ihr Vater beschwört sie immer wieder darin, dass sie nie vergessen soll, dass sie Kurdin ist. Um so älter sie wird, um so mehr fällt ihr die Diskrepanz zwischen ihren beiden Leben auf. In Syrien ist sie immer die Almanya, in Deutschland wahlweise eine Araberin oder eine Kurdin. Sie gehört nirgendwo dazu. Und für das Land und Leben ihres Vaters interessiert sich in Deutschland niemand.
Um so älter Leyla wird, um so trauriger und dramatischer wird das Buch. Denn es beginnt die Zeit des Bürgerkriegs in Syrien. Ihr Vater sitzt fast nur noch vorm Fernseher und guckt die arabischen und kurdischen Fernsehsender. Die Familie in Deutschland muss um die Familie in Syrien fürchten. Ihre Mutter setzt zwar alles daran, der Familie in Syrien zu helfen, stößt aber immer wieder auf Widerstände.
Der Autorin ist es gelungen, gleichzeitig ihr zerrissenes Leben als Kind einer Deutschen und eines jesidischen Kurden zu beschreiben, als auch auf die Umstände der Familie in Syrien hinzuweisen. Sie erzählt in sehr kurzen und gradlinigen Sätzen ihre Geschichte. Meistens ist es tatsächlich Leylas Geschichte, aber zwischendrin lässt sie den Vater und auch die Großmutter erzählen. Dadurch habe ich noch einmal einen ganz anderen Blick auf dieses Land und die Situation der Kurden und Jesiden gewonnen. Immer mussten sie auf der Hut sein. Immer zur Flucht bereit. Niemals wirklich uneingeschränkt gewollt und akzeptiert. Ein faszinierender Blick auf ein Land, was extrem geteilt ist. Auf dem Land leben die Menschen unter einfachsten Bedingungen, die wir uns hier gar nicht mehr vorstellen können, während das Leben in den Städten westlich orientiert war. Kurden sind Menschen zweiter Klasse, den man ihre Staatsrechte genommen hat. Und Jesiden sind doppelt gestraft, weil sie auch noch eine andere Religion haben, die nicht geduldet wird.
Ein leises Buch, was eindringlich die Situation der Familie beschreibt. Erstaunlich mit welcher Kraft und wenigen Worten die Autorin es mit ihren knapp 28 Jahren geschafft hat, dieses Buch zu schreiben. Die Auszeichnungen sind mehr als verdient!
Der Autorin ist es gelungen, gleichzeitig ihr zerrissenes Leben als Kind einer Deutschen und eines jesidischen Kurden zu beschreiben, als auch auf die Umstände der Familie in Syrien hinzuweisen. Sie erzählt in sehr kurzen und gradlinigen Sätzen ihre Geschichte. Meistens ist es tatsächlich Leylas Geschichte, aber zwischendrin lässt sie den Vater und auch die Großmutter erzählen. Dadurch habe ich noch einmal einen ganz anderen Blick auf dieses Land und die Situation der Kurden und Jesiden gewonnen. Immer mussten sie auf der Hut sein. Immer zur Flucht bereit. Niemals wirklich uneingeschränkt gewollt und akzeptiert. Ein faszinierender Blick auf ein Land, was extrem geteilt ist. Auf dem Land leben die Menschen unter einfachsten Bedingungen, die wir uns hier gar nicht mehr vorstellen können, während das Leben in den Städten westlich orientiert war. Kurden sind Menschen zweiter Klasse, den man ihre Staatsrechte genommen hat. Und Jesiden sind doppelt gestraft, weil sie auch noch eine andere Religion haben, die nicht geduldet wird.
Ein leises Buch, was eindringlich die Situation der Familie beschreibt. Erstaunlich mit welcher Kraft und wenigen Worten die Autorin es mit ihren knapp 28 Jahren geschafft hat, dieses Buch zu schreiben. Die Auszeichnungen sind mehr als verdient!
Bewertung
5/5
23.07.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Sommer ihrer Kindheit verbringt Leyla bei den Großeltern in Syrien. Im Dorf gibt es keine Klingeln an den Türen und die Türen stehen immer offen für Nachbarn, Freunde oder Verwandte, die zum Tee kommen. Leyla fühlt sich nie allein. Der Kontrast zu ihrem Leben in Deutschland könnte kaum größer sein. So pendelt sie zwischen zwei Leben und zwei Kulturen hin und her bis die Reise nach Syrien eines Tages zu gefährlich wird. Die Nachrichten und Bilder aus dem Fernsehen lassen sie nicht los und sie kann es schwer ertragen, in Deutschland zu sitzen und tatenlos zuzusehen, was in ihrer zweiten Heimat passiert. Ein sensibler Roman, mit sehr viel Einfühlungsvermögen erzählt.
Anna
5/5
03.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zum über den Tellerrand schauen
"Eine Geschichte, dachte sie, erzählt man immer vom Ende her. Auch wenn man mit dem Anfang beginnt."
Obwohl das Cover sehr positiv ins Auge sticht klang der Klappentext erstmal wenig nach Wohlfühlbuch. Leyla wächst als Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden in Deutschland auf und verbringt alljährlich die Sommer bei ihren Großeltern und Verwandten in Kurdistan. Je älter sie wird desto mehr gerät sie in einen Konflikt der Kulturen.
Der Schreibstil ist recht ungewöhnlich, es gibt wenig Dialoge und da es aus Leylas Erinnerung heraus erzählt wird springen die Geschichten chronologisch etwas hin und her. Dabei wird aber das Dorf, die Menschen und das Leben in Kurdistan so plastisch beschrieben dass ich sofort in der Geschichte drin war. Und ich habe beim Lesen gemerkt wie wenig ich eigentlich weiss über den Krieg, die Konflikte und die Situation in Syrien weiss.
Die Sommer ist definitiv kein Wohlfühlbuch und das muss und will es auch überhaupt nicht sein. Mich hat es zum nachdenken und informieren angeregt, aufgerüttelt und auch dankbar sein lassen für die Privilegien die wir in Deutschland haben.
Gerhard S.
aus Erlangen
5/5
03.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zu gehen ist in erster Linie eine Abfolge von Schritten
Distanziert und zugleich hautnah, bewegend, anstrengend, berührend - so soll wohl "anspruchsvolle Literatur" sein. Die Geschichte der Tochter eines staatenlosen Kurden aus einem staubigen Dorf in Syrien bzw. Rojava und deren Großfamilie. Mit vielleicht zwangsläufigem Ende ... Unbedingt empfehlens- und lesenswert.
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5/5
10.02.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Raus aus der Komfortzone
Der Inhalt dieses fantastischen Buches geistert auch lange nach der Lektüre noch in meinem Kopf herum, holte mich schon beim Lesen aus meiner Komfortzone und führte mir einmal mehr vor Augen wie privilegiert ich doch aufgewachsen bin. Welches Geschenk es ist zu jedem Zeitpunkt zu wissen, wer man ist und wohin man gehört.
Denn wie Leyla in zwei Welten aufzuwachsen ist nicht immer nur eine Bereicherung, sondern kann auch zur Bürde werden. So erinnert sich Leyla als junge Frau immer wieder an die zahlreichen Sommer ihrer Kindheit, die sie bei der Familie ihres Vaters in Kurdistan verbracht hat und muss nun mit ansehen wie diese Welt immer weiter durch Krieg und Gewalt zerstört wird, wie ihrer Familie die Identität genommen wird. Dass sie das alles aus dem fernen und sicheren Deutschland beobachtet, lässt sie vor schlechtem Gewissen nachts nicht schlafen und treibt sie unruhig durch ihren Alltag. Sie kommt nicht zur Ruhe, lebt wie eine Getriebene, die in keine der Welten auf echtes Verständnis trifft.
Absolute Leseempfehlung!
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5/5
07.11.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
'Zu gehen ist in erster Linie eine Abfolge von Schritten'
Leyla wächst in der Nähe von München auf. Sie ist die Tochter einer Deutschen und eines jesidischen Kurden, dem 1980 die Flucht nach Deutschland gelang. Die Sommer ihrer Kindheit verbringt sie in der Heimat ihres Vaters, einem kleinen Dorf in Nordsyrien.
Von der Großmutter wird Leyla vertraut gemacht mit Lebensweise und Tradition, mit Religion, erfährt Schutz und Zuneigung, bevor sich vieles ändert und Leyla erwachsen wird. Inständig hofft man, dass sie ihren Platz im Leben finden wird, fühlt sich ihr verbunden.
Eine intensive Familiengeschichte, die auch den Bürgerkrieg in Syrien und die Ermordung der Jesiden durch den islamischen Staat thematisiert. Wird zu Beginn mit Leichtigkeit von Leylas Aufenthalten in Syrien erzählt, erschüttern mehr und mehr die Erinnerungen und Erzählungen des Vaters, sowie das politische Geschehen.
Ein lesenswertes Buch über Flucht, Vertreibung und Hoffnung, über die Sehnsucht nach Heimat und Ankommen. Lehrreich und fesselnd!
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4/5
25.01.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wo gehöre ich hin ?
Leyla : die Mutter deutsch und der Vater ein jesidischer Kurde. Sie wächst in Deutschland auf, die Ferien verbringt sie aber immer bei den Grosseltern in Syrien. Zwei Welten prallen aufeinander , Kulturen, Vorstellungen, Meinungen. Mit zunehmendem Alter frägt sie sich wo sie hingehört. Man spürt die Zerissenheit, den Spagat zwischen den Welten.
Das Buch macht betroffen und nachdenklich - sehr intensiv erzählt.
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3/5
14.11.2020
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein literarisches Hin und Her zwischen den Welten
In ihrem mit kurdischer Kultur und Historie gefülltem Debütroman, erzählt Ronya Othmann die Geschichte einer jungen Frau, die in zwei Welten lebt. Die hin und her gerissen ist. Und die nicht weiß, wo ihre Heimat ist. Im Mittelpunkt von ‘Die Sommer‘ steht die Deutsch-Kurdin Leyla, welche die schönsten Monate des Jahres immer bei ihrer Familie im kurdischen Gebiet Syriens verbrachte. Im Laufe der Geschichte wird Leyla erwachsen, emanzipiert sich durch einen Umzug nach Leipzig von ihrer deutschen Familie und ist gezwungen ihr Anderssein zu verheimlichen. Als dann jedoch der Arabische Frühling 2011 und der bis heute andauernde Bürgerkrieg in ihr Leben treten, gerät dieses gehörig aus den Fugen. Denn egal was sie tut, mit ihrem Herzen ist sie in Syrien, ist sie bei ihrer kurdischen Familie. Voller Wut wagt sie am Ende einen radikalen Schritt.
Im Großen und Ganzen ist Ronya Othmanns literarisches Debüt gelungen. Einfühlsam und sprachlich stark lässt sie uns an Leylas Gefühlsleben und Gedankenwelt teilhaben, ihre Zerrissenheit wird von der ersten Seite an spürbar. Doch verfügt ‘Die Sommer‘ leider auch über ein paar Schwächen, die die Leser*innenschaft ratlos zurück lassen könnte. Man nehme z.B. die viel zu oft verschwimmenden Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen den Sommern in Syrien und dem Leben in Deutschland. Oder die vielen kurdischen Begriffe und Namen, die das Ganze zwar authentisch machen, Kulturunkundige jedoch sehr verwirren. Hätte Ronya Othmann die Trennung zwischen den Welten und Zeiten stringenter vorgenommen, so wäre ‘Die Sommer‘ ein großartiges Romandebüt voller realistischer Emotionalität. Hätte. Doch am Ende bleibt leider ein Beigeschmack übrig, der das Lesevergnügen schmälert.
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