Witzig, romantisch, bösartig – Gustave Flauberts erster Roman in neuer Übersetzung
Ein junger Bursche beobachtet unter den Sommergästen in Trouville eine Frau, die ihn fasziniert. Als er ihren Bademantel vor der Flut rettet und zurückbringt, verliebt er sich auf der Stelle. Maria jedoch ist zehn Jahre älter als er, hat einen Mann und eine kleine Tochter. Mit ungeheurer Leidenschaft erzählt der junge Flaubert in seinem ersten Roman die eigene Geschichte, die ihn für ein Leben geprägt hat. In der Neuübersetzung von Elisabeth Edl, mit Jugendbriefen und einem Kommentar, der den biografischen Hintergrund farbig sichtbar macht, sind die „Memoiren eines Irren“ das Selbstporträt eines Künstlers als junger Mann, der zu seinem 200. Geburtstag als einer der Größten gefeiert wird.
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5/5
04.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Die Jugend vor der Ironie - Ein Blick auf den jungen Flaubert
„Doch mein Leben, das sind nicht Tatsachen; mein Leben, das ist mein Denken.“ Vieles von dem, was Flaubert später mit einer fast unbarmherzigen Kunst ausarbeiten sollte, steht in diesem frühen Satz bereits offen zutage. In den „Memoiren eines Irren“ begegnet man nicht dem fertigen Flaubert, sondern einem jungen Menschen, der noch mit großer Geste, Übertreibung, Verzweiflung und berauschter Empfindsamkeit schreibt – und gerade deshalb ist dieses Jünglingswerk so aufschlussreich. Es wirkt wie ein literarisches Versuchsfeld, in dem bereits die wesentlichen Spannungen seines späteren Schaffens vorhanden sind: das Misstrauen gegenüber der Wirklichkeit, die Sehnsucht nach einem intensiveren Leben, die Enttäuschung an der Liebe, der Ekel vor der Banalität und die Neigung, jedes Erlebnis bis in seine feinsten seelischen Verästelungen zu verfolgen. Flaubert ist hier noch nicht der vollkommen kontrollierte Stilist der „Madame Bovary“, noch nicht der große Sezierer menschlicher Illusionen. Er ist vielmehr selbst noch ganz in ihnen gefangen. Und vielleicht liegt darin der eigentümliche Reiz dieses Buches: Man liest, wie ein Schriftsteller entsteht, indem ein Mensch sich selbst zum Gegenstand seiner Beobachtung macht und dabei immer weniger weiß, ob er sich erkennt oder erst recht verliert.
Ist der Erzähler tatsächlich ein Irrer? Der Titel legt es nahe, doch je länger man ihm zuhört, desto zweifelhafter wird die Diagnose. Wahnsinnig ist dieser junge Mann vor allem in dem Maß, in dem er nichts einfach hinnehmen kann. Sein Denken verschont ihn vor nichts. „Sein Denken verschlang ihn wie eine Hydra“, heißt es, und treffender lässt sich seine geistige Existenz kaum beschreiben: Jeder Gedanke erzeugt einen weiteren, jede Empfindung wird betrachtet, gedeutet, gesteigert und schließlich wieder gegen sich selbst gewendet. Er besitzt eine fast schmerzhafte Empfänglichkeit für Eindrücke. Das Licht des Mondes, eine Landschaft, eine Bewegung, ein Blick, eine Erinnerung können ihn in Ekstase versetzen. Die Welt ist für ihn nicht Kulisse, sondern Reizstoff. Er berauscht sich an ihr, und gerade dadurch wird sie ihm unerträglich. Denn wer so intensiv fühlt, entdeckt irgendwann, dass kein Gefühl sich festhalten lässt.
„Mein Leben, das ist mein Denken“ ist deshalb mehr als eine schöne Sentenz. Es ist das heimliche Programm des gesamten Textes. Das eigentliche Leben des Protagonisten findet nicht in den Tatsachen statt, sondern in ihrer seelischen Nachwirkung. Damit ist Flaubert erstaunlich früh bei einer Frage angelangt, die auch seine späteren Figuren beherrschen wird: Was geschieht mit einem Menschen, dessen Vorstellungskraft größer ist als die Wirklichkeit, in der er leben muss? Emma Bovary wird später an ihren Vorstellungen zugrunde gehen; Frédéric Moreau wird sein Leben im Abstand zwischen Wunsch und Erfahrung verbringen. Schon hier wird dieser Abstand aus dem Innersten heraus erlebt. Der Protagonist hat zu viel Innenleben für die Welt, in die er gestellt ist, und zu wenig Möglichkeit, dieses Innenleben in eine tragfähige Existenz zu verwandeln.
Besonders schön und zugleich bitter ist seine Bemerkung: „Als Kind liebte ich, was man sieht; als Jüngling, was man fühlt; als Mann liebe ich nichts mehr.“ Darin steckt eine kleine Geschichte der Entzauberung. Das Kind liebt die sichtbaren Dinge unmittelbar. Der Jüngling entdeckt die unsichtbare Welt der Gefühle und macht sie zum eigentlichen Gegenstand seiner Existenz. Doch gerade wer gelernt hat, alles zu fühlen, verliert irgendwann die Fähigkeit, einfach zu lieben. Die Empfindsamkeit wird zur Last, weil sie immer auch reflektiert. Vielleicht bedeutet der letzte Satz deshalb nicht, dass der Mann gefühllos geworden ist, sondern dass er an der Überfülle seiner Gefühle erschöpft ist. Das ist eine frühe, noch pathetisch ausgesprochene Form jener Ernüchterung, die Flaubert später mit weit größerer Kälte gestalten wird.
Überhaupt ist das Buch voller Sätze, die noch nicht die berühmte Flaubertsche Objektivität besitzen und gerade deshalb etwas Unmittelbares haben. „Und dennoch, wie viele Dinge habe ich in der Seele, wie viele innerste Kräfte und wie viele Ozeane von Wut und Liebe stoßen aufeinander, brechen sich in diesem so schwachen, so debilen, so gefallenen, so ermatteten, so erschöpften Herzen.“ Man hört darin noch den jungen Schriftsteller, der von seiner eigenen Innerlichkeit überwältigt ist und sie in einer Kaskade von Steigerungen sichtbar machen muss. „Ozeane“, „Wut und Liebe“, das schwache, gefallene, erschöpfte Herz: Flaubert schreibt noch nicht gegen das Pathos an, sondern aus ihm heraus. Dennoch ist bereits das Entscheidende vorhanden: die genaue Beobachtung des Widerspruchs. Der Mensch ist schwach und enthält doch ungeheure Kräfte; er ist erschöpft und trägt in sich zugleich ganze Ozeane.
Was hat diesen jungen Menschen überhaupt dazu gebracht, so zu schreiben? Sicherlich die Liebe, aber nicht nur die Liebe. Es ist auch die Erfahrung, dass Bildung den Geschmack schärfen kann, ohne das Leben zu verbessern. Der Satz vom „verbildeten“ Geschmack und Herzen weist auf einen Grundkonflikt: Wer viel gelesen, viel gedacht und sich an Schönheit gewöhnt hat, wird anspruchsvoller gegenüber der Wirklichkeit, aber nicht unbedingt glücklicher. Bildung schafft Vergleichsmöglichkeiten und damit Unzufriedenheit. Die Welt genügt nicht mehr, weil die Phantasie gelernt hat, sich andere Welten vorzustellen. Auch hierin kündigt sich der spätere Flaubert an: Seine Figuren leiden immer wieder daran, dass Vorstellungen mit Wirklichkeit verwechselt werden oder dass die Wirklichkeit an ihnen gemessen nur enttäuschen kann.
Am eindringlichsten wird das nach der Erfahrung der Liebe. „Wer wird mir jetzt alle Dinge zurückgeben, die ich verloren habe, meine Unberührtheit, meine Träume, meine Illusionen, alle verwelkten Dinge, arme Blumen, die der Frost getötet hat, bevor sie aufgeblüht waren.“ Der junge Flaubert kann hier noch ganz ungeniert metaphorisch schreiben. Die verlorene Unberührtheit wird zu einer Blume, die vor der Blüte vom Frost getötet wurde. Das ist zweifellos naiv, wenn man es mit dem späteren Flaubert misst; zugleich ist es poetisch von bemerkenswerter Sicherheit. Die Metapher trifft den eigentlichen Schmerz: Nicht nur eine Liebe ist verloren, sondern die Fähigkeit, die Welt noch mit jener Erwartung zu betrachten, die diese Liebe möglich gemacht hat. Der Verlust betrifft die Zukunft ebenso wie die Vergangenheit. Es sind nicht nur Erinnerungen, die verwelkt sind, sondern Möglichkeiten.
Darin liegt auch die kindliche Naivität dieses Buches. Der junge Flaubert glaubt noch an die Einzigartigkeit des eigenen Leidens. Er liebt große Worte, große Gegensätze, große Verzweiflungen. Wenn er den Menschen als „ein Sandkorn, von unbekannter Hand ins Unendliche geworfen“ beschreibt, als „armseliges Insekt mit schwachen Beinen“, das sich an Tugend, Liebe, Egoismus und Ehrgeiz klammert, ist das zugleich philosophisch scharfsinnig und jugendlich theatralisch. Der spätere Flaubert hätte vermutlich gerade diese pathetische Selbstüberhöhung seziert. Und doch ist die Einsicht bereits da: Der Mensch erfindet sich Halt, weil er den Abgrund ahnt. Tugend und Liebe sind in diesem Bild nicht einfach Wahrheiten, sondern Äste, an die sich das verängstigte Wesen klammert.
So betrachtet sind die „Memoiren eines Irren“ weniger die Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen als die eines Menschen, der sich selbst beim Denken zusieht und dabei entdeckt, wie gefährlich Denken werden kann. Der Erzähler ist nicht deshalb interessant, weil er verrückt wäre, sondern weil er empfindlicher ist, als es ihm guttut. Er zerdenkt die Liebe, zerdenkt die Welt, zerdenkt sich selbst. Und doch bleibt hinter all dieser Reflexion ein erstaunlich unmittelbares Bedürfnis nach Schönheit bestehen. Gerade deshalb kann man Flauberts spätere Nüchternheit hier noch nicht vorwegnehmen. Man muss dieses Buch als frühes Glühen lesen, als Momentaufnahme vor der großen Abkühlung.
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5/5
11.04.2025
Buch (Taschenbuch)
"Als Kind liebte ich, was man sieht, als Heranwachsender, was man spürt, als Mann liebe ich gar nichts mehr."
Was passiert, wenn ein hoffnungsloser, pessimistischer, einsamer Poet sich verliebt, und das in jemanden, der für immer unerreichbar sein wird?
Nun, man erhält die Memoiren eines Irren, eines Menschen, welchem die Welt überdrüssig und verkommen scheint. Auf wenigen Seiten schafft Flaubert es, das Leben eines gebrochenen Mannes zu zeichnen: nichts als Unheil, Tragödie und Verderben hält das Leben für ihn bereit. Und all dieser Schmerz lichtet sich nur kurz, in diesem einen verheißungsvollen Moment des Verliebens.
Nur ganz flüchtig und fast schon nebenbei ist diese Begegnung, deren schmerzlicher Ausgang den Erzähler, den Schreiber dieser Memoiren, jetzt auf ewig plagen soll. Es wird ein Leben porträtiert, das vom Kindesalter an von Einsamkeit, poetischer Träumerei und vielleicht sogar etwas Hass auf jene geprägt war, die dieses Leben verurteilten. Nur einen einzigen Lichtblick gab es und auch dieser wird vom Leichentuch des Vermissens überschattet und verhüllt.
Flaubert hat ein monumentales Meisterwerk geschaffen, das zwar mit wenigen Seiten daherkommt, doch dafür sprachlich und auch psychologisch sowie philosophisch ein geradezu himmlisches Gemälde, eine wundersame Symphonie darbietet!
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