Ohne Geld und mit wenig vorzuweisen nach seiner Ausbildung an der Kunsthochschule, nimmt Cal die Fähre nach Hause auf die Insel Harris und all das, vor dem er nach Edinburgh geflüchtet war, ist wieder da: das karge Leben auf den Hebriden, der windgepeitschte Kreislauf aus Schafzucht und Nächten am Webstuhl, die Enge der Inselgemeinschaft.
Sein Vater hat ihn nach Hause in sein altes Leben beordert. John, dem er all sein Wissen über Farben und Wolle verdankt, dessen Hingabe als Tweed-Weber er liebt und dessen presbyterianische Strenge er hasst. Sie sind einander so nah und kennen sich so wenig, blind für das wohlgehütete Geheimnis des anderen. Niemals könnte Cal dem Vater von seiner Sehnsucht nach einem Partner erzählen, wo dieser schon seine langen Haare als Sünde ahndet. Stattdessen sucht Cal immer mehr die Nähe von Innes, Johns sanftem bestem Freund, während sich die Fäden, die ihre fragile Gemeinschaft zusammenhalten, immer dichter verweben.
Ein großer Roman über Verpflichtung und Verblendung, Liebe und Scham und die verwandelnde Kraft der Wahrheit.
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Ein Buch zum Nachdenken
Bewertung am 27.06.2026
Bewertungsnummer: 3179692
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Bücher, bei denen man nach der letzten Seite sofort weiß, was man schreiben möchte. Und dann gibt es Bücher wie dieses. Ich musste tatsächlich erst einmal einen halben Tag verstreichen lassen, bevor ich überhaupt Worte dafür finden konnte. Nicht, weil mir nichts eingefallen ist – sondern weil dieses Buch so viel in mir ausgelöst hat, dass ich meine Gedanken erst einmal sortieren musste.
Douglas Stuart erzählt die Geschichte von John und seinem Sohn Cal. Cal kehrt nach Jahren auf dem Festland auf seine abgelegene Heimatinsel zurück. Er hat das Gefühl, beruflich gescheitert zu sein, weiß nicht, wohin sein Leben führen soll, und wagt den Schritt zurück in eine Heimat, die ihm gleichzeitig vertraut und fremd geworden ist.
Diese Insel ist weit mehr als nur der Schauplatz der Geschichte. Sie ist ein eigener Charakter. Ein Ort, an dem jeder jeden kennt, Traditionen seit Generationen gelebt werden und der Glaube den Alltag bestimmt. Die religiöse Gemeinschaft der sogenannten Elders ist allgegenwärtig. Sie tritt geschlossen auf, spendet Trost, steht Familien in schweren Zeiten zur Seite und hält die Gemeinschaft zusammen. Gleichzeitig ist sie aber auch Sinnbild dafür, wie schwer es sein kann, aus festgefahrenen Strukturen auszubrechen. Denn dort, wo Gemeinschaft Halt gibt, kann sie ebenso einengen.
Zwischen Vater und Sohn herrscht eine Distanz, die über Jahre gewachsen ist. Vieles bleibt unausgesprochen. Johns tiefer Glaube bestimmt sein gesamtes Leben und immer wieder versucht er, seinen Sohn auf den vermeintlich richtigen Weg zu führen. Was er jedoch nicht weiß: Cal ist homosexuell. Während Cal auf dem Festland zumindest ein Stück weit er selbst sein konnte, scheint dafür auf der Insel kein Platz zu sein. Dort wird beobachtet, getuschelt und schnell geurteilt. Douglas Stuart beschreibt diese Enge so eindringlich, dass man sie beim Lesen beinahe selbst spürt.
Besonders beeindruckt hat mich, dass keine Figur nur gut oder nur schlecht ist. Jeder trägt Verletzungen, Zweifel und Geheimnisse mit sich herum. Auch Cals Großmutter Ella bewegt sich ständig zwischen ihrer Liebe zu ihrem Enkel und den Regeln einer Gemeinschaft, die ihr ganzes Leben geprägt hat.
Und dann ist da Innes.
Die Verbindung zwischen Innes und Cal entwickelt sich unglaublich feinfühlig. Gleichzeitig verbindet Innes aber auch eine jahrzehntelange Geschichte mit John – eine Geschichte, die alles in einem anderen Licht erscheinen lässt. Mehr möchte ich dazu gar nicht verraten. Nur so viel: Die Beziehung zwischen Innes und John und die zwischen Innes und Cal ist etwas ganz Besonderes. Eigentlich dürfte sie so niemals existieren – und doch muss sie genau so erzählt werden, damit sich am Ende alles auf eine unglaublich berührende Weise zusammenfügt.
Dieses Buch handelt von Glauben und davon, was Religion Menschen geben, aber auch nehmen kann. Es handelt von Familie, von Verlust, von Trauer, von Hoffnung und davon, wie schwer es sein kann, den eigenen Weg zu gehen, wenn das gesamte Umfeld bereits entschieden zu haben scheint, wer man sein soll. Gleichzeitig zeigt der Roman, dass Liebe keine Grenzen kennt – egal, wie sehr Menschen versuchen, ihr welche zu setzen.
Mich hat dieses Buch tief bewegt. Es hat mich nachdenklich gemacht und mich viele Dinge hinterfragen lassen – über Familie, Glauben und darüber, wie privilegiert wir manchmal sind. Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der ein Outing nie ein Problem war. Dieses Buch erinnert daran, dass das längst nicht überall selbstverständlich ist und dass es auch heute noch Orte gibt, an denen Menschen ihre Gefühle verstecken müssen, um akzeptiert zu werden.
Für mich gehört dieser Roman zu den besten Büchern, die ich seit Langem gelesen habe. Nicht, weil er laut ist oder mit spektakulären Wendungen überrascht, sondern weil er leise erzählt wird und gerade dadurch eine unglaubliche Wucht entwickelt. Er hat mich emotional komplett abgeholt, wird noch lange in mir nachhallen und ist für mich schon jetzt ein absolutes Jahreshighlight.
Persönliche Freiheit contra Tradition
meerblick am 26.06.2026
Bewertungsnummer: 3179384
Bewertet: eBook (ePUB)
Als John Calum MacLeod wieder nach Hause auf die schottischen Hebriden-Inseln zurückkehrt, holt ihn die Vergangenheit ein. Die strengen Traditionen der Bevölkerung verbunden mit ihrem Glauben stehen in krassen Wiederspruch zu seinem freien Leben am College in Manchester, wo er Modedesign studiert hat. Nun ist er wieder John der Sohn von John, seinem Vater, der seinen Lebensinhalt in der Schafzucht und der Weberei traditioneller Muster und Stoffe sieht. Da gibt es auch noch die Großmutter mit Herz und gleichzeitig in Strenge ihrer Herkunft verpflichtet.
Douglas Stuart zeichnet in seinem Roman ‘John of John‘ das Bild einer Gesellschaft der 1990er Jahre, die geprägt ist, jede Art der Abweichung von der als Normalität des Lebens betrachteten Realität zu verachten, auszugrenzen. Es darf nicht existieren, was nicht der Regel des Zusammenlebens entspricht. Selbst in der Familie werden die Gefühle im tiefsten Inneren verborgen. So stellt sich Frage: Wer kennt eigentlich wen mit seinen Vorlieben und Lebensträumen?
Ein Roman, der lebendig geschrieben ist und in seinem Konfliktreichtum sehr stark menschliche Gefühle reflektiert.
Meinung aus der Buchhandlung
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"John of John" ist wie ein windiger Spaziergang am Meer, eingekuschelt in einen rauen Tweedmantel. Eine bewegende Geschichte über Verantwortung, Scham, Begehren, den Mut zur Veränderung und die Liebe. Ein wahrer Schatz der Litertatur. Douglas Stuart ist wirklich ein meisterhafter Erzähler.
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Die Gemeinschaft in dem kleinen Ort, auf der schottischen Hybrideninsel, lebt in ärmlichen Verhältnissen, ist sehr gottgläubig und hat ihren eigenen moralischen Kodex.
Wer ausbricht wird geächtet.
Das ist eine Geschichte welche nicht vor 200 Jahren, sondern in den 90ern des vorigen Jahrhunderts spielt. Aber die Zeit macht nicht Halt. Die nächste Generation will sich nicht mehr fügen.
Das ist wunderbar erzählt. Ich habe mit gelebt und gelitten.
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