Eine beinahe wahre Geschichte vom "erstklassigen Erzähler Michael Köhlmeier." Denis Scheck, ARD DruckfrischMit diesem großen Werk schließt Michael Köhlmeier an seinen Bestseller „Zwei Herren am Strand“ an. Zu ihrem 100. Geburtstag lädt die Architektin Anouk Perleman-Jacob einen Schriftsteller ein und bittet ihn darum, ihr Leben als Roman zu erzählen. In Sankt Petersburg geboren, erlebt sie den bolschewistischen Terror. Zusammen mit anderen Intellektuellen wird sie als junges Mädchen mit ihrer Familie auf einem der sogenannten „Philosophenschiffe“ auf Lenins Befehl ins Exil deportiert. Nachdem das Schiff fünf Tage und Nächte lang auf dem Finnischen Meerbusen treibt, wird ein letzter Passagier an Bord gebracht und in die Verbannung geschickt: Es ist Lenin selbst.
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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"You don’t need a weatherman to know which way the wind blows"
Klare Leseempfehlung. Michael Köhlmeier nimmt uns mit in die Zeit der sozialrevolutionären Wirren in der Sowjetunion in der Phase des Übergangs der Macht von Lenin und Trotzki auf Stalin, basierend auf den Erinnerungen einer 100-jährigen (und damals 14-jährigen) Frau, die dem Autor aus dieser Zeit berichtet hat. Die Frau ist natürlich fiktiv und so fabuliert der Autor seine eigene Darbietung der Geschehnisse und Zusammenhänge um eine Gruppe von Menschen, die (so Trotzki) politisch unzuverlässig seien und sich eines Tages gegen die Revolution wenden würden. Und diese Darbietung ist bei Köhlmeier kurzweilig - zumal die charmante alte Dame ihre Geschichten öfter korrigiert - und konsequent pazifistisch. Wir begegnen Leonid Kannegiesser, der am 30. August 1918 in Petrograd den sowjetischen Volkskommissar Moissei Urizki erschoss, anschließend dämlicherweise mit dem Fahrrad flüchtete und natürlich gefasst wurde. Und war die sehbehinderte Fanny Kaplan wirklich in der Lage, ihrerseits an demselben Tage einen Attentatsversuch auf Lenin beim Verlassen einer Moskauer Fabrik zu unternehmen? Der gewaltsame Tod Urizkis und der fehlgeschlagene Mordanschlag auf Lenin wurden von den Bolschewiki zum Anlass und zur Rechtfertigung für die danach einsetzenden blutigen Verfolgungen solcher „politisch Unzuverlässigen“ genommen und wer nicht hingerichtet wurde, fand sich auf dem Philosophenschiff wieder. Und bei den historischen Zusammenstellungen mittels fiktiver und realer eingeflochtener Personen erfährt die begeisterte Leserin sogleich noch etwas über die linke militante Untergrundorganisation Weathermen, die unter anderem im Oktober 1969 in Chicago die „Days of Rage“ gegen den Vietnamkrieg organisierte.
Bewertung
5/5
15.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Nominiert für den Deutschen Buchpreis, Longlist
Ein neuer Köhlmeier. und dasnn gleich die Longlist zum Deutschen Buchpreis. Zurecht? Mit Sicherheit! Ein tolles Buch, welches uns von Anfang an fesselt. Die Idee mit der 100 jährigen Architektin, die ihre Biographie schreiben lassen will beinhaltet so viel Möglichkeiten zu fabulieren.
Und der ausgesuchte Schriftsteller, dem nie einer glaubt und daher gut geeignet! Sicherlich mit augenzwinkern geschrieben.
Und sehr schön die ausufernden Erzählungen von Anouk, der hundertjährigen. Sicher hat sie nicht so viel Gesprächspartner oder - partnerinnen.
Gut beobachtet.
Worum geht es in dem Buch? Lasst es euch nicht erzählen, sondern lest selber. Es lohnt sich!!!
Bewertung
5/5
04.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Was ist wahr?
Keine geradlinigen Erinnerungen sind es, die dem Erzähler da aufgetischt werden. So wie vielen Protagonisten nicht zu trauen ist, erzählt Anouk auch nicht immer ganz die Wahrheit. Vieles fügt sich oder wird im Laufe der Geschichte neu erzählt und bekommt eine zusätzliche Bedeutung. Und doch ein philosophisches Zeitbild mit vielen Bezügen zur Gegenwart.
Bewertung
5/5
02.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Eine Leseerfahrung über eine revolutionäre Zeit voller Angst, Lügen, Verdrängungen und Grausamkeiten
Der neue Roman von Michael Köhlmeier lässt die hundertjährige Architektin Anouk Perelman-Jacob über ihre Jugend erzählen. Ihre intellektuellen Eltern hatten in Paris im Exil auf freizügige avanguardistische Weise gelebt, eher in einer Dreierbeziehung. Als die Revolution in Russland ausbricht, kehren sie zurück. Die Geschichten werden mehrmals erzählt und variieren in ihrer Bedeutung. Am Anfang des Romans wird erwähnt, dass der interviewende Schriftsteller, es nicht so ernst mit der Wahrheit nimmt und bekannt dafür ist, erfundene Dinge mit in seine Geschichten einzuweben. Gerade deshalb habe Anouk ihn ausgewählt.
Die gesprochene Sprache, die kurzen Sätze, die Wiederholungen und Abweichungen lassen das Gespräch zwischen dem Schriftsteller und der Hundertjährigen echt wirken. Man sitzt mit den beiden zusammen im Wohnzimmer, hört zu, wie die uralte Frau ihr Leben offenbart. Man isst zusammen, wird müde, der Schriftsteller möchte weg und bleibt dann doch.
Was ist real an dieser Geschichte? Bei jeder erlebten und nacherzählten Geschichte ist das schwierig. Hier handelt es sich sogar um Erinnerungen, die schon fast hundert Jahre zurückliegen, aus einer höchst brisanten, gefährlichen Zeit. In so einer Zeit wird mehr gelogen und erdichtet, die Lüge wird lebensnotwendig. Im Nachhinein kann es dann schwer sein, zwischen Dichtung und Wahrheit auseinanderzuhalten. Die Frage entsteht, ist es hier überhaupt wichtig? In diesem Roman scheint es eher darum zu gehen, die Essenz der Zeit nahezubringen. Der ermordete Dichter und Liebhaber von Anouks Mutter Gumiljow wird zitiert, „dem Sein nahekommen“, darum gehe es hauptsächlich. Manchmal kann Dichtung reeller sein, als kalte Fakten.
Die Eltern und Anouk werden von der Geheimpolizei abgeholt und auf einem Luxusdampfer mit anderen wenigen Intellektuellen zwangsausgewiesen. Nicht alle kommen auf dem Schiff an, einige werden umgebracht.
“Niemand kam, um uns eine Erklärung zu geben“ (Zitat aus dem Roman).
Das Schiff hält auf offenem Meer an. Die Ungewissheit, Todesangst, ist zum Atmen nahe. Niemand möchte die anderen kennenlernen, aus Angst beschuldigt zu werden. Diese Situation erinnert an den Roman von Kafka, der Prozess.
“Das Gerücht liebt das Nichts. Angst und Gerücht, das sind zwei Halunken. Wenn die sich zusammentun, das wird eine Verheerung.“ (Zitat aus dem Roman)
“Ich dachte sogar, ich könnte der Spitzel sein“, sagt Anouk. (Zitat aus dem Roman).
Irgendwann beginnt sich Anouk trotz der Angst zu langweilen und erkundet eine abgesperrte Zone des Schiffes und trifft in der ersten Klasse auf Lenin, der ein alter Greis geworden ist.
Zwischendurch werden Erfahrungen aus anderen Zeiten erwähnt, die Freundschaft Anouks zu einer Frau, die bei der terroristischen amerikanischen Gruppe Weather Report aktiv war, oder der Mitbewohner des Schriftstellers, der damals beim KBW war. Sie haben „Stalinismus gespielt“, sagt dieser.
Warum wird Lenin Anouks „Freund“? Das Unverständnis scheint beabsichtigt. Im dem damaligen Chaos von Mord und Revolution war nichts mehr zu verstehen. Die Wahrheit vermischt sich mit Halluzination und Totenstarre.
Bewertung
5/5
02.03.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Faszinierend, relevant und sogar spannend
Kann dieses Buch nur empfehlen! Das Thema ist sehr relevant und ueberbrueckt 100 Jahre in einer sehr dynamischen und persoenlichen Weise. Selten habe ich in den letzten Jahren mich auf das Weiterlesen am Abend gefreut.
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5/5
28.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Fakt und Fiktion
Nur wenige Romane schaffen es das Motiv des unzuverlässigen Erzählers so zu nutzen, dass man beim Lesen nicht die Augen verdrehen muss. Köhlmeier meistert diese Hürde mit Bravour! Nie ist klar, was nun Wahrheit und was Fiktion ist und trotzdem wird daraus ein Roman , der die Kunst des Erzählens - und des Erinnerns - in den Vordergrund stellt und ungeheuren Spaß macht. Ein heißer Anwärter auf die Shortlist...mindestens.
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5/5
22.04.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erschütternd
Erschütternd liest sich dieses Buch. Es ist ein Verdienst, über die russische Revolution, über die durch sie verbreitete allgegenwärtige Angst, über den Umsturz jeglichen bürgerlichen Lebens, über den Terror unter Lenin zu schreiben und damit die Dunkelheit und die Grausamkeit dieser Ereignisse zu dokumentieren.
Die Figuren des kunstvoll gewebten Romanes berühren in ihren Emotionen, Charakteren und ihren Haltungen im dramatischen Schicksal.
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5/5
26.02.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein kleines Mädchen, Lenin und die großen Fragen im Leben
In diesem halbfiktionalen Roman lässt Köhlmeier eine 100-jährige auf ihr bewegtes Leben zurückblicken. Dreh,- und Angelpunkt ist dabei die Fahrt auf einem der sogenannten Philosophenschiffe. Trotzki rühmte die Aktion als humanistisch, denn "es gab keinen Anlass, die Ausgewiesenen zu erschießen, aber sie noch länger zu ertragen, war unmöglich.“
Mich hat das Buch nicht losgelassen. Denn es vereint so vieles: eine packend erzählte Lebensgeschichte, die Geschichte des Roten Terrors, einige philosophische Gedanken. Und natürlich denkt man unweigerlich beim Lesen auch an die heutige Situation in Russland.
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5/5
08.02.2024
eBook (ePUB)
Wahrheit oder Lüge
Das Philosophenschiff ist eine gelungene Kombination aus historischen Fakten und erzählerischer Freiheit. Versuchen Sie auch erst gar nicht alle Figuren im Internet zu finden, für alle Personen finden Sie keine Spur. Aber das tut dem Buch keinen Abbruch.
Eingeladen von der hundertjährigen Architektin Anouk soll unser fiktiver Erzähler, der gleichzeitig auch Schriftsteller ist, ihre Biografie aufschreiben. Warum gerade er? Weil er es in seinen Büchern auch nicht immer so genau mit der Wahrheit nimmt und ob man Anouk alles glauben darf?
Dann beginnt eine fast abenteuerlich anmutende Lebensbeichte, in der es um Machtmissbrauch und verlorene Ideale der russischen Revolution geht. Schön verpackt unter dem Deckmantel eines besonderen Lesevergnügen!
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4/5
04.08.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Beeindruckend erzählt
Die bolschewistische Revolution erzählt als meisterhafte Verschachtelung von Wahrheit und Lüge: mal erzählerische Freiheit, mal historisch akkurat, mal die Wahrheit, mal beinahe die Wahrheit. Eine fesselnde Erzählung über eine paranoide Zeit, in der alles und jeder verdächtig ist. Rück- und Vorgriffe, Erzählstränge in Gegenwart und Vergangenheit, das fehlende Verständnis eines Kindes für die Situation und die rückblickende Interpretation einer Erwachsenen sind kunstvoll verwoben und zeichnen ein lebendiges Bild der Anfänge der Sowjetunion. Beeindruckend gemacht und großartig erzählt.
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