Es ist das Jahr 1983. Daniel steht kurz vor seiner Konfirmation und träumt von blauem Samtsakko und grauer Flanellhose. Doch seit er die Eltern belauscht hat, schwant ihm, dass daraus nichts wird. Hormanns sind pleite und wissen nicht mehr, wie sie die sechsköpfige Familie über die Runden bringen sollen. So erfinderisch die Eltern auch sind, eines können sie nicht: mit Geld umgehen. Was sie dagegen beherrschen: den Schein wahren, selbst als der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht.
Kundinnen und Kunden meinen
4.2/5.0
Magnolia
5/5
26.02.2025
eBook (ePUB)
Nobel geht die Welt zugrunde
Die Hormanns leben nach dem Motto mehr Schein als Sein, sie ver(sch)wenden ihre Energie eher darauf, ihr bisheriges Leben weiterzuführen und sich irgendwie durchzuschlängeln, auch wenn die Geldquellen schon lange versiegt sind. Und wenn doch mal was eintrifft, wird es sofort wieder ausgegeben für Kuchenberge, für Restaurantbesuche und auch mal für einen Urlaub zwischendurch. Der Gerichtsvollzieher hat die amtlichen Pfandsiegel auf Fernseher, Klavier und auf alle sonstigen verwertbaren Gegenstände geklebt, was sie nicht anficht, da der Kuckuck eher dezent an einer nicht sofort sichtbaren Stelle klebt.
Alles beginnt damit, dass Daniel von einem blauen Samtsakko mit grauer Flanellhose träumt. Er will diese Kombination zu seiner Konfirmation tragen, was angesichts der finanziellen Misere seiner Eltern eher Utopie bleibt – wir schreiben das Jahr 1983.
Vater Siegfried, Mutter Marlene und ihre vier Kinder leben in einem Bungalow, den sie überwiegend in einer Zeit gebaut hatten, als sie beide noch in Lohn und Brot standen. Irgendwann dann macht Siegfried sich selbständig, was nicht die beste seiner Ideen war, denn von nun an gings bergab. Die beiden Omas – Henriette und Lydia – wissen nichts von der ständigen Geldknappheit, auch die Kinder sind nicht informiert, bekommen aber doch so einiges mit.
Christian Schünemann erzählt von der Familie und deren Mitglieder, wie sie heute leben und von den beiden Herkunftsfamilien. Mal ist er bei Marlene in jungen Jahren, sie ist als Buchhalterin tätig. Sie ist ein kluges Mädchen, das sich stetig weiterentwickelt. Auch von Siegfried erfahren wir so einiges, er hätte als Beamter Zeit seines Lebens ein sicheres Einkommen gehabt. Lydia etwa kommt in Oberschlesien zur Jahrhundertwende zur Welt, ihre Mutter verstirbt im Kindbett, Vater steht mit fünf Kindern alleine da. Ihr Weg wird wie auch der der anderen skizziert, man bekommt ein gutes Gespür für die einzelnen Personen.
Die Erzählung wechselt zwischen den Zeiten und den einzelnen Charakteren, was anfangs ein wenig irritierend war. Bald aber war ich mit diesen Zeitsprüngen vertraut und konnte die Eskapaden der Hörmanns so richtig genießen. Wenngleich ich ob ihrer Unbekümmertheit den Kopf geschüttelt habe, so war die Lektüre ein gar amüsantes Unterfangen. Wie kann man nur? Wie konnte es so weit kommen? Sowohl Siegfried als auch Marlene hatten einen guten Start, sie hatten ein sicheres Einkommen, von ihren Höhenflügen konnten sie jedoch nicht mehr lassen, ihre Ansprüche trotz Geldknappheit nicht mehr zurückfahren. Und so machen sie sich auf den Weg: „Wir fahren so lange, bis die Sonne scheint.“ Was solls – nobel geht die Welt zugrunde.
Das Nachwort verrät, dass der Autor durch seine Familiengeschichte zu diesem Buch inspiriert wurde - er vermittelt das Lebensgefühl dieser Jahre mit einer Leichtigkeit, die dem Thema die Schwere nimmt. Für mich ist es ein gelungenes Porträt einer Familie, das auch die Kriegs- und Nachkriegszeit nicht auslässt und das die Wohlstandsgesellschaft gut charakterisiert. Alles in allem eine rundum stimmige Geschichte, die mich schon auch nachdenklich zurücklässt, die mich aber dennoch bestens unterhalten hat.
Bewertung
5/5
05.01.2025
eBook (ePUB)
Bis die Sonne scheint
Inhalt siehe Klappentext.
Ich kannte den Autor Christian Schünemann bisher nicht; die Inhaltsangabe hat mich neugierig gemacht, nachdem mir der lässige Typ, der am braunen Auto lehnt, auf dem sonst, typisch Diogenes-Verlag, weißen Titelbild aufgefallen ist.
Erzählt wird aus Sicht von Daniel, der 1983 vierzehn Jahre alt ist und sich auf seine Konfirmation und den Frankreich-Schüleraustausch freut. Er und seine 3 Geschwister sind ein sorgloses Leben gewohnt, wissen nicht, wie der Kontostand der Eltern aussieht. Über Geld redet man natürlich nicht mit Kindern (das war in meiner Kindheit und Jugend auch so - wir informieren unsere Kinder zumindest grob) und nach außen muss der Schein gewahrt werden. Typische Dinge aus den 80ern fallen dem Leser ins Auge, wenn man selbst in dieser Zeit aufgewachsen ist, angefangen bei Dosenwurst, RAF-Plakaten in der Postfiliale, Maggi beim Krämer über beigefarbene Autos, Flokatiteppiche, etc. Die „drei Stufen runter zum Kaminzimmer“ kenne ich aus meiner Kindheit, das war auch etwas tiefer gebaut als das Wohnzimmer.
Im Laufe der Geschichte erfährt man aus der Vergangenheit von Vater Siegfried, Mutter Marlene, Oma Henriette und Oma Lydia, was der Krieg mit ihnen allen gemacht hat, wie die Eltern zusammenkamen und wie der Traum vom Eigenheim wahr wurde - und später platzte. Es ist erstaunlich, wie normal die Eltern weiterleben, als sei nichts passiert, als stünden sie nicht am Rande ihrer Existenz. Verdrängen funktioniert hier recht gut, mir tun die Kinder leid, die nicht über ihre Verhältnisse gelebt haben, die keine falschen (oder nicht die besten) Entscheidungen getroffen haben, die einfach mitgezogen wurden. Nicht besonders hilfreich waren die Zinssätze, die damals in die Höhe stiegen, aber wer konnte das wissen? Man merkt aber auch, dass sich an jeden Strohhalm, der sich bietet, geklammert wird, egal, der wievielte Versuch es ist, endlich wieder Fuß zu fassen, auch wenn es erneut schiefgehen kann. Durchhalten können Siegfried und Marlene, das ist klar, aber zu welchem Preis?
Christian Schünemanns Roman lässt sich sehr flüssig lesen, vielleicht findet man sich an manchen Stellen selbst wieder. Das Nachwort hilft sehr, das Gelesene Revue passieren zu lassen, man versteht die Geschichte der „Hormanns“ danach noch besser. Mir hat das Buch, das nur 256 Seiten hat, die es aber in sich haben, gut gefallen, es regt zum Nachdenken an und zeigt, wie vergänglich Geld ist und was man wirklich braucht, um glücklich zu sein - und sei es der Sonnenschein. 5 Sterne und Leseempfehlung gibt es von mir - und Zoes Mixtape war das Highlight zum Schluss.
Sarah K
4/5
16.03.2025
eBook (ePUB)
Die Wahrung des Scheins
Schünemann beherrscht seine Geschichte ebenso wie die Kunst des Erzählens und des stilistischen Jonglierens. Er schreibt reell, ohne Schnörkel und referenziert den Leser direkt, um die zwischen den Zeilen stehende Personifikation der Wunsch-Moderne mit dem individuellen Gewissen des Lesers zu konfrontieren. Auf der Ebene von drei Generationen, voneinander getrennt betrachtet, wird die Welt mit dem Traum verglichen; die Weitergabe des Schein-Wahrens gilt unausgesprochen als interfamiliär existenzielle Kompetenz der Lebensrealität.
Schünemann erzählt seine eigene Geschichte, verwoben mit fiktiven Add-Ons: Wie lange kann die Realität vor den Menschen, die einem am wichtigsten sind, verborgen werden? Und wie lange lässt sich der äußere Schein gegenüber den Mitmenschen wahren? Macht besagter Schein tatsächlich glücklich? Daniel, als viertes Kind einer scheinbar modernen Familie der 80er Jahre, stellt sich unfreiwillig ebendiesen Problemen, als er kurz vor seiner Konfirmation seine Träume vom dunkelblauen Samtsakko platzen sieht. Es ist kein Geld mehr da, jedoch sind seine Eltern wahre Meister im Verbergen existenzieller Sorgen, fahren im Urlaub an die Côte d'Azur und leben selbstverständlich den miserablen Umgang mit nicht vorhandenem Geld.
Lesemone
4/5
10.03.2025
eBook (ePUB)
Ungeschönte Wahrheit
Daniel steht im Jahr 1983 kurz vor seiner Konfirmation und er freut sich auf die Frankreichreise, die von seiner Schule geplant wird. Doch immer mehr häufen sich die Anzeichen dafür, dass seine Eltern pleite sind. Fällt für ihn nun alles ins Wasser?
Christian Schünemann erzählt im Prinzip seine Familiengeschichte, aber mit anderen Namen. Der Autor erzählt seine Geschichte auf mehreren Zeitebenen, die sehr lange zurückreichen. So kann man sich ein gutes Bild davon machen, wie seine Eltern schon, bevor sie sich kennenlernten, stets versucht haben, den Schein zu wahren. Man kann ihnen nicht nachsagen, dass sie nicht alles versucht haben, um geschäftlich Fuß zu fassen. Es wird jedoch sehr deutlich, dass sie stets über ihre Verhältnisse gelebt haben und wie sich dies alles verkettet hat, wird in dieser Geschichte erzählt. Ich fand das Buch sehr aussagekräftig, da es zeigt, dass man nicht auf angeblichen Reichtum anderer neidisch sein muss. Man weiß nie, ob es alles nur Fassade ist. Eine unterhaltsame Familiengeschichte, wo man ab und zu auch mal den Kopf schütteln muss.
brauneye29
aus Wachtendonk
4/5
04.03.2025
eBook (ePUB)
Hauptsache, der Schein wird gewahrt
Zum Inhalt:
Daniel freut sich auf seine Konfirmation, doch dann bekommt er mit, dass die Eltern pleite sind und kaum wissen, wie sie die Familie über Wasser halten sollen. Dabei schien doch die Idee mit der eigenen Firma so gut, doch die Aufträge bleiben in der Wirtschaftskrise aus und es finanziell immer mehr bergab, so dass sogar der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht. Aber ein Talent hat die Familie, Ruhe bewahren und das Leben genießen.
Meine Meinung:
Was für mich tatsächlich das interessanteste am Buch ist, war die Zeit in der es spielte, denn ich war in den achtziger Jahren ähnlich alt wie Daniel und so hatte ich mehr als einen Aha-Moment. Die Geschichte der Familie war ein auf und ab mit auch durchaus interessanten Momenten. Für das wesentliche ist kein Geld da, aber wenn mal Geld da ist, wird das Geld eher für unnützes ausgegeben, damit man nach außen besser dasteht als es eigentlich ist. Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven und zu unterschiedlichen Zeiten erzählt, das machte das Geflecht verständlicher. Insgesamt hat mir das Buch gefallen.
Fazit:
Hauptsache, der Schein wird gewahrt
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5/5
25.07.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der schöne Schein
Eine Familiengeschichte aus den 1980 er Jahren, erzählt aus der Perspektive von Daniel dem jüngeren Sohn.
Die Familie hat hohe Ansprüche, alle Kinder gehen aufs Gymnasium, Bildung ist ein wichtiger Bestandteil der Familienphilosophie. Als Daniel den Austauschbesuch seines französischen Gastschülers erwidern will und dies aus finanziellen Gründen schwierig ist, kommt die heile Welt der Familie so richtig ins wanken.
Die Erzählperspektive ist mit einem herrlich ironischen Blick auf die Dinge und die Familie geschildert.
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5/5
07.05.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zurück in die 80 er
Herr Friedrich von der Stadtbibliothek Bergheim hat mir dieses Buch empfohlen, und er lag damit genau richtig. Diese wohl teilweise autobiographische Familiengeschichte aus den 1980er Jahren, angesiedelt zwischen großen Ambitionen und dem Scheitern an der Realität, ist leicht und humorvoll erzählt.
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5/5
07.03.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wohltuende Familiengeschichte der 80er-Jahre
Christian Schünemann porträtiert mit autobiografischen Zügen eine norddeutsche Familie der 1980er, die verzweifelt versucht, den gutbürgerlichen Schein zu wahren. Immer wieder werden wir auch in die Vergangenheit entführt und die Geschichte der Großeltern rund um die Kriegszeit erzählt.
Trotz der ernsten Themen liest sich "Bis die Sonne scheint" unterhaltsam, locker und macht - nicht zuletzt dank der liebenswürdigen Charaktere - großen Spaß. Selbst ich, der die 80er nie live und in Farbe erlebt hat, bin beim Lesen ein bisschen nostalgisch geworden.
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4/5
17.06.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wenig Geld, aber Träume bis zum Himmel und zurück
Es ist das Jahr 1983, und Daniel hofft, seine Konfirmation in einem neuen Sakko begehen zu können. Doch leider sind seine Eltern pleite, und auch sonst läuft vieles schief.
Bisher war ein Gang zur Bank für die Hormanns immer ein Fest gewesen.
Ihre finanzielle Lage ist desolat, aber das wollen sie nicht wahrhaben. Sie reden sich ihre Situation schön, blenden die bittere Realität weitgehend aus.
Der Schein muss stets gewahrt bleiben.
Selbst als der Gerichtsvollzieher den Fernseher und das Klavier mit einem Kuckuck versieht, finden die Eltern das nicht schlimm, denn die Zettel sind nicht sichtbar. Hauptsache, niemand kriegt was mit.
„Bis die Sonne scheint“ ist Christian Schünemanns ganz persönliche Version seiner bewegten Familiengeschichte, die er aus Briefen seiner Mutter, lokalen Archiven und seiner eigenen Erinnerung rekonstruierte.
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4/5
02.06.2025
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sehr gut erzählt !
Eine Jugend in den 80 ziger Jahren, nicht immer einfach , vor allem in dieser Familie. Doch der Autor beschreibt seine Jugend liebevoll und voller Verständnis für seine Eltern und Großeltern, die von Krieg und Nachkriegszeit geprägt sind.
Ein heiter geschriebener Roman, in dem sich sicher auch manch einer wiederfindet.
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