Roland Baines ist noch ein Kind, als er 1959 im Internat der Person begegnet, die sein Leben aus der Bahn werfen wird: der Klavierlehrerin Miriam Cornell. Roland ist junger Vater, als seine deutsche Frau Alissa ihn und das vier Monate alte Baby verlässt. Es ist das Jahr 1986. Während die Welt sich wegen Tschernobyl sorgt, beginnt Roland, nach Antworten zu suchen, zu seiner Herkunft, seinem rastlosen Leben und all dem, was Alissa von ihm fortgetrieben hat.
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Was ist ein glückliches und was ist ein gelungenes Leben? Und welcher der Romanfiguren ist das am ehesten gelungen? Und wieviel Ian McEwan steckt in Roland Baines?
Micha_W am 02.04.2025
Bewertungsnummer: 2455355
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Es gibt Bücher, die Ausschnitte aus dem Leben eines Menschen zum Thema haben oder gar den gesamten Lebenslauf. Letztere nennt man dann am ehesten Biographien. Es gibt Bücher, die verschiedene Epochen der Weltgeschichte beleuchten. Das sind dann meist Sach- oder Geschichtsbücher. Ian McEwan kam irgendwann auf die Idee, in Lektionen beides über eine lange Zeitachse zu fusionieren. Es wäre nicht Ian McEwan, der britische Schriftsteller, der am Fließband Preise und Ehrentitel einheimst wie einst Walt Disney die Oscars (22!) oder Bayern München deutsche Meisterschaften (33!) und dem nur eine Kleinigkeit fehlt, nämlich der Literatur-Nobelpreis (aber jener hat – wie schon in früheren Rezensionen unschwer erkennbar – mit Literatur schon immer weniger zu tun als mit Politik), also es wäre nicht Ian McEwan, wenn er diese Hercules-Aufgabe nicht mit bekannter Bravour meistern würde. Es ist zusammengefasst ein Highlight der Weltliteratur entstanden, ein Werk mit einer fesselnden, autobiografisch angehauchten Story, aber gleichzeitig auch ein Werk, das fast keine heißen gesellschaftlichen Eisen der letzten sieben oder acht Dekaden und der Neuzeit auslässt und damit jede Menge philosophische Denk-Impulse setzt. An dieser Stelle können die Eiligen also bereits aussteigen.
Die Leserschaft begleitet Roland Baines von seiner Geburt Anfang der 50er Jahre bis ins hohe Alter. Auf 720 Taschenbuchseiten oder in 1,9 MB eBook schlagen einen unendlich viele Erfahrungen in den Bann (von McEwan’s exzellentem Schreibstil ganz zu schweigen).
Nur zwei Beispiele.
Beispiel eins. Im Vordergrund steht die sexuelle Beziehung von Roland zu seiner Klavierlehrerin, welche sich im Alter von 11 Jahren anbahnt und mit 14 Jahren körperlich wird. Diese Erfahrung hat Nachwirkungen bis in seine Sechziger/Siebziger. Ist all das eine strafbare Handlung durch die selbst psychisch auffällige, erst knapp über zwanzig Jahre alte Lehrerin? Spontan würden viele einem gesellschaftlich normierten Reflex folgend sofort ja sagen, aber so einfach macht es einem McEwan nicht.
Beispiel zwei. Nach einem Leben des Sich-treiben-Lassens erhofft sich Baines von der Ehe mit Alissa die ersehnte Stabilisierung. Kleines Häuschen und Vorgarten-Idylle eingeschlossen. Doch vier Monate nach der Geburt des gemeinsamen Sohnes verschwindet Alissa in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, um sich ihre Träume als Schriftstellerin zu erfüllen. Sie möchte dem Schicksal ihrer Mutter entgehen, die als verheißungsvolle Schriftstellerin nach Deutschland kam, aber durch eine Heirat alle hochfliegenden Pläne ad acta legen musste. Und welche für den Rest ihres Lebens unglücklich war („Ich habe das falsche Leben gelebt“).
Was alles steckt alleine in diesem meisterlichen Konstrukt? Von „Regretting Motherhood“ als einem ganz aktuellen Aspekt unserer gesellschaftlichen Gegenwart bis zur ewig gültigen und zeitlosen Frage „Was ist ein glückliches Leben?" und wie erreiche ich dieses.
Sind das die Erfahrungen und „Lektionen“ dieses Buches, die uns den Weg aufzeigen wollen? Mit großer Sicherheit nicht. Niemand kann sich am Ende der Lektüre erdreisten und beurteilen, wessen Leben denn nun glücklicher war – das des fatalistischen Roland Baines, dem das Leben einfach irgendwie passiert, der aus seiner gesellschaftskonformen Passivität, seiner lebenslangen Lethargie fast unmerklich in die senile Depression driftet. Oder das Leben von Alissa, die durch ihre fast schon immense psychische Kraftanstrengung und vielleicht auch durch den Ausbruch aus ihren Mutterpflichten zur weltberühmten Schriftstellerin wird, aber eine Vielzahl anderer Probleme kompensieren muss.
Das gesellschaftliche Denken der jeweiligen Zeit und die jeweiligen historischen Ereignisse bilden für all das das Bühnenbild, das sich mit der Handlung verwebt. Die Kuba-Krise, der Reaktorunfall von Tschernobyl, der Fall der Mauer, die Pandemie und viele andere Ereignisse der Weltgeschichte jener Zeit haben teilweise unmittelbaren Einfluss auf die Geschichte und das Leben und Agieren der Romanfiguren.
Als Leser stellt man sich bei der Lektüre immer wieder zwei Fragen:
Das Buch ist – das gibt Ian McEwan unumwunden zu – stark autobiografisch. Da wird man schon neugierig, was von alledem seinem Leben entspricht und was nicht, ohne dass dies letztendlich wichtig wäre. Ja, es gab den Major als strengen Vater, den verlorenen Bruder und das Klavierzimmer im Internat, aber sonst…?
Und zum anderen: Was sind denn nun die Lektionen oder neudeutsch die Lessons to take home, die Lifehacks? Natürlich kann und will er darauf keine allgemein gültigen Antworten liefern. Empfehlenswert ist in diesem Zusammenhang ein Interview mit Ian McEwan in der „Sternstunde Philosophie“ des Schweizer Fernsehens (SFR Mediathek oder YouTube), in dem McEwan sich im Gespräch mit Barbara Bleisch am ehesten dahingehend äußert, dass die Lektionen des Lebens die Summe der singulären Erfahrungen sind und dass Glück die Summe der bewusst wahrgenommenen glücklichen Momente ist.
Das ist doch schon eine ganze Menge.
Sehr empfehlenswert!
Bewertung am 11.05.2024
Bewertungsnummer: 2198834
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)
Kurzkommentar: Gesellschaftspolitische Themen werden verwoben mit einer zum Teil autobiografischer Lebensgeschichte. Ein Jahrhundert mit viele Höhen und Tiefen. Trotz einiger Längen ist jede Seite ein Genuss. Ein grosses Lesehighlight für McEwan-Fans!
Meinung aus der Buchhandlung
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Wow. Es gibt Bücher, auf die man sich so lange freut, sie endlich lesen zu dürfen, dass einem fast Angst und Bange wird, sie können den eigenen Erwartungen nicht gerecht werden. GsD ist das hier nicht der Fall: "Lektionen" habe ich von der ersten bis zu letzten Seite genossen !!!
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Roland Baines ist vollkommen überrascht, als seine Frau Alissa beschließt, ihn und ihren kleinen Sohn Lawrence, zu verlassen. Sie bräuchte Freiraum zum Schreiben, erdrückend wäre die Last der Familie und sie möchte nicht so enden, wie ihre Eltern…, aber das erfährt er erst sehr viel später!
Dabei fand Roland ihre Eltern nicht unangenehm und fügt sich still und wenig zornig in sein Schicksal. Zeitlich gesehen läuft im Hintergrund die Uhr der Tschernobyl Atmosphäre, desolat und voller Ängste, versuchen sich die Menschen vor der atomaren Wolke zu schützen, vor der es kaum ein Entrinnen gibt.
Großartig ist das Gefühl der Ausweglosigkeit und die Beschreibung der Zeit der großen Ängste geschildert, die in den Köpfen der Menschen einzieht, Nichts ist sicher….
Das ist überhaupt das Größte an diesem feinen umfangreichen Buch, für das man sich gerne Zeit nehmen sollte, in sich hinein spüren, die Zeit zurück denken und vielleicht begreifen, wie viele schwierige Dinge die Nachkriegsgenerationen bislang stemmen mussten. So erhält man ein Verstehen für andere und auch für sich selbst und fängt so Allerlei an milder zu betrachten.
Roland jetzt allein mit Sohn fühlt sich zwar allein gelassen, aber ist auch seltsam schnell bereit alles zu schlucken, denn die Erkenntnis ist schnell da, was für eine vollendete wunderbare Autorin seine Ex-Frau geworden ist, ohne ihr Schaffen die Welt der Literatur um vieles ärmer! Und sein Leben dagegen, ist doch ein Nichts!?
Die Gedanken gehen zurück, als sein erfolgloses Leben seinen Anfang nahm. Roland kommt als 14-Jähriger in ein englisches Internat, seine heile Welt stürzt ein, als seine Eltern meinen, zu seinem Wohl, seinen Aufenthalt in der Heimat Libyens, dort wo der Vater stationiert ist, zu beenden. Die große Freiheit ist vorbei!
Im englischen Internat als schüchterner junger Mann, lernt er Klavier spielen, was ihn aufleben lässt, seine Welt wird runder, um ihn besonders zu fördern, denn er ist sehr talentiert, wird ihm Miriam, eine noch recht junge Klavierlehrerin empfohlen, um sein besonderes Talent zu Großem werden zu lassen.
Die Kuba Krise kommt und im Gefühl der nicht greifbaren Ängste vor einem Krieg, lässt sich Roland auf die amourösen Anspielungen seiner Lehrerin ein und möchte wenigstens einmal Sex erlebt haben, bevor ein Krieg kommt. Selbstbewusst klopft er an ihre Tür und ein Spiel aus Verlangen und Missbrauch beginnt…
Wohin mit diesen Erlebnissen?
Ein abtauchen in ein Leben beginnt, das ganz anders hätte sein können...
Ein großer unglaublich tiefsinniger Roman aus der Feder Ian McEwans, der schon mit dem Roman „Abbitte“ zeigte, wie wundervoll Literatur sein kann.
Ein Gesellschaftspolitische Panorama vom Beginn der 50-er bis zu unserem Erleben des Corona Ausbruchs. Großes Kino, feine Literatur!
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