›Erschlagt die Armen!‹ ist Titel eines Prosagedichts von Charles Baudelaire, und die Protagonistin dieses Romans scheint ihn wörtlich genommen zu haben: Die junge Frau schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf und findet sich in Polizeigewahrsam wieder. Dort soll sie sich erklären: Was treibt eine Frau indischer Abstammung, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht – und ist angewidert vom System, deren Teil sie geworden ist. Als Migrantin bleibt sie fremd in den Augen der Beamten, aber auch für ihre ehemaligen Landsleute ist sie fremd – als eine, die es geschafft hat. Schließlich scheint es auch für sie in der menschengemachten Enge der Welt keine andere Begegnung als den Angriff zu geben. Ein zorniger Roman, der in kraftvoller, bilderreicher Sprache aufrüttelnde Fragen zu Identität und Zusammenleben in einer globalisierten Welt stellt.
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"(..) wo die Antragsteller aus all diesen Ländern herumlungerten, die man Entwicklungsländer nennt, was den EIndruck erwecken soll, es gäbe Veränderung, es gäbe Entwicklung, weil das Elend nicht nur den Elendigen Angst macht, sondern auch denen, die im Warmen sitzen."
Sprachgewaltig und intensiv übt Shumona Sinha hier eine gelungene Kritik an der Asylpolitik. In der Literatur findet ein Thema, das im Alltag völlig überbeschallt und desillusionierend skizziert wird, noch einmal die Möglichkeit zu seiner vollen Wichtigkeit aufzublühen. "Erschlagt die Armen!" ist einer der wichtigsten Romane unserer heutigen Gesellschaft, und die in Frankreich lebende, bengalische Autorin hat hiermit eine Anklageschrift für alle europäischen Asylländer geschrieben. Eine selbst emigrierte Dolmetscherin schlägt einem Asylsuchenden auf der Behörde ins Gesicht. Erfahrt in einem literarischen und sogreichen Rausch, was diese Frau dazu bewegt hat und erlebt gleichzeitig hautnah, wie falsch unsere Asylpolitik ist, wie viel Hass und unnötiges Misstrauen und Eifersucht und Unterdrückung es hervorruft.
Bewertung
5/5
14.11.2017
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein schonungsloser Flüchtlingsroman,...
Ein schonungsloser Flüchtlingsroman, dessen Inszenierung am Theater ebenfalls geglückt ist!
Volker Jentsch
4/5
06.11.2015
Buch (Gebundene Ausgabe)
Shumona Sinha schreibt über…
Shumona Sinha schreibt über die Emigranten aus Indien. Aus Indien ist auch sie geflüchtet und hat in Frankreich Aufnahme gefunden, Frankreich gewählt der Sprache wegen, wie sie sagt. Im Zuge der aktuellen Völkerwanderung ein eher seltenes Motiv ̶ eine Syrerin oder ein Syrer, die nach Deutschland wegen der deutschen Sprache kommen? Wäre zu schön, um wahr zu sein. In Frankreich dolmetscht Shumona für ihre Landsleute, muß notgedrungen die Sprache sprechen, die sie nicht mehr sprechen will, damit die französische Verwaltung über Asyl oder Abschiebung entscheiden kann. Inzwischen ist sie als Schriftstellerin eben dort zu Ruhm und Ansehen gekommen. Der Titel des Buchs läßt Giftiges ahnen, und in der Tat: dies schmale Buch ist eine gereizte, wütende und zugleich traurige Abrechnung mit ihrem Heimatland, deren Männern, deren Flüchtenden, ihrer eigenen Familie auf der einen Seite und der französischen Verwaltung auf der anderen. Sie schreibt auf, was sich angesichts der in Deutschland verordneten Willkommenskultur niemand zu trauen schreiben würde. Worum es in diesem Buch nicht geht: objektiv Stellung zu nehmen, das Für und Wider der Flüchtlingsbewegung abzuwägen, Argumente zu liefern, um des Lesers schwankende Position zu dem Problem zu festigen. Im Gegenteil. Das Buch ist ein Buch über Sinhas persönliche Probleme, im Angesicht der Asylanten: über ihren Haß auf die Flüchtlinge und über ihr Mitleid mit denselben. Über ihre Aggressionen, wenn sie das Elend dieser Leute aus nächster Nähe erfährt und ihren Abscheu vor den Lügen ̶ den Lügen und Ausflüchten der Armen aus den abgeschriebenen Ländern und den Lügen und der Selbstgerechtigkeit der Entscheider aus der westlichen Welt. Und vor allem: um die Schwierigkeiten mit sich selbst. Der Aufmacher des Buchs: sie schlägt einem Asylanten eine Flasche über den Kopf, als Folge ihrer Überreiztheit, eine Kumulation der Ereignisse, die zu einer Grenzüberschreitung führt. Auch wenn die Autorin immer wieder auf dieses Ereignis rekurriert, erzeugt das bei mir wenig Spannung, man würde sagen es war eine Handlung aus dem Affekt, einer Laune, ohne allzu große Konsequenzen.… Das Buch überzeugt mich durch die Mächtigkeit seiner Sprache, weniger durch seinen Inhalt. Wer erfindungsreiche Verknüpfungen liebt und sich von dem Dämon ihrer Wörter mitreißen läßt, fährt mit diesem Büchlein genau richtig. Wer einen vernünftigen Beitrag zur Flüchtlingsproblematik erwartet, sollte die Hände davon lassen. Er könnte auf die (teuflische) Idee kommen, die Flüchtlinge zwar nicht zu erschlagen, aber samt und sonders in ihre Heimat zurück zu schicken.
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5/5
11.11.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Erschlagt die Armen!
Ein wichtiges Buch!!!
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