Seebeben

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Beschreibung

Details

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

13.02.2023

Verlag

Unionsverlag

Seitenzahl

160

Maße (L/B/H)

19,4/11,9/1,8 cm

Gewicht

226 g

Beschreibung

Rezension

»In Seebeben greift die Autorin wiederkehrende Elemente auf: der Umgang mit Schuld, die seelischen und sozialen Folgen der kolonialen Vergangenheit Portugals, das Leben am Rande der Gesellschaft. Das Bemerkenswerte an Djaimilia Pereira de Almeidas Büchern ist, dass sie trotz der politischen Dimension ihrer Themen Widersprüchlichkeit und Ambivalenz viel Platz einräumt. Sie umkreist labyrinthisch verzweigte Motive, Bilder und Gedanken. Sie machen ihren Roman zu einer beschwörenden literarischen Meditation über die postkoloniale Gegenwart.« ("Deutschlandfunk Kultur")
»Auch in Seebeben zeigt sich Djaimilia Pereira de Almeida als Autorin, die es versteht, einzelne Schicksale mit der Geschichte geschickt zu verknüpfen. Sie beschreibt darin empathisch genau die Unmöglichkeit, sich aus den Schatten der Vergangenheit zu befreien. Ein eindringlicher Roman, der sich auf die Seite der Außenseiter und Ausgestoßenen stellt.« ("Neue Zürcher Zeitung")
»Djaimilia Pereira de Almeidas dichterische Sprache ist kraftvoll, nie überanstrengt. Sie stellt die Innenschau mit bedrückenden Erinnerungen und psychischem Elend so überzeugend dar wie das Leben und Treiben auf den Straßen und Plätzen Lissabons aus der Sicht derer, die am Rande der Gesellschaft leben. Schonungslos genau, ohne sich zur Anklägerin oder Richterin aufzuschwingen, bringt sie uns in bewegenden Szenen einem Menschen nahe, der Schuld auf sich geladen hat und dennoch unseres Mitgefühls sicher sein darf. Meisterlich.« ("Literaturkritik")
»Djaimilia Pereira de Almeida spinnt für Boa Morte eine tragische Erzählung um seiner selbst. Zur Schicksalsschwere ziseliert de Almeida auch kleine Volten des Lebens und bringt uns so einem Menschen nah, der gefehlt hat, leiden muss. Aber er merkt auch einiges an, das bewegt: ›Die Zeit rinnt durch meinen Körper, sie durchquert mich, macht mich allmählich zu einem anderen.‹« ("Westfälischer Anzeiger")
»Mit großer atmosphärischer Dichte und viel erzählerischem Talent erzählt die Autorin die Geschichte zweier Gestrandeter, die in der Anonymität der Großstadt versuchen, ihrer Vergangenheit zu entfliehen und eine Gegenwart zu leben, ohne eine gute Zukunft zu haben. Das ist bewegend, nachdenklich machend. Ein wirklich außergewöhnlicher Roman, der einem nach dem Lesen lang im Gedächtnis bleiben wird.« ("Buchprofile/medienprofile")
»Mit kraftvoller, unverwechselbarer Stimme erzählt Almeida eine Geschichte, die noch lange nach der Lektüre nachhallt.« ("Cultura Sul")
»Almeida hat einen zwiespältigen Erzähler erschaffen, hin- und hergerissen zwischen Stolz und Schuld, zwischen dem Wunsch, zu leben und zu sterben. Wogend und tosend wie ein aufgewühltes Meer.« ("Via Atlântica")
»Ein herausragender Roman der portugiesischen Literatur, in dem Realität und Fantasie verschwimmen, eine unverzichtbare Lektüre. Und sie trägt uns durch die Straßen Lissabons.« ("Livraria Bertrand do Chiado")
»Der Roman rückt jene in der Vordergrund, die am Rande der Gesellschaft leben, die ›Unsichtbaren‹, die auf der Straße leben, inmitten von Menschen, die sie ignorieren. Dabei werden sie in Almeidas Prosa nie zu Stereotypen.« ("Expresso")

Details

Einband

Gebundene Ausgabe

Erscheinungsdatum

13.02.2023

Verlag

Unionsverlag

Seitenzahl

160

Maße (L/B/H)

19,4/11,9/1,8 cm

Gewicht

226 g

Auflage

1

Originaltitel

Maremoto

Übersetzt von

Barbara Mesquita

Sprache

Deutsch

ISBN

978-3-293-00595-2

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Vom Leben und Sterben

Almut Scheller-Mahmoud am 07.03.2023

Bewertungsnummer: 1894980

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Vom Leben und Sterben. Der angolanisch-portugiesischen Autorin Djaimilia Pereira de Almeida ist wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Meisterwerk der Sprache, ein Meisterwerk der Empathie mit einem „Fremdling“. Ihr gelingt es, wechselnd in der Ich-Form und der dritten Person, das Leben des schwarzen alten Mannes Boa Morte da Silva aus Angola wie einen Fächer vor uns auszubreiten, einen Spannungsbogen zu schaffen. Boa Morte mäandert in Selbstreflexionen und Briefen an seine Tochter Aurora durch sein Leben. Das Leben eines Vergessenen, eines Heimatlosen, der sich in den Straßen Lissabons, im Viertel Chiado seinen Lebensunterhalt verdient. Als Parkplatzwächter, eine entfremdete, entfremdende Existenz. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seine Position in einem Büro aufgab, um sich der kolonialen portugiesischen Armee zu verpflichten. In der Hoffnung, ein anerkannter Portugiese zu werden. Er hat getötet: die eigenen Blutsbrüder und Landsleute, wahllos. Ein Kamerad starb in seinen Armen.“Ich habe ihn sterben lassen, um mich selbst zu retten.“ Alles im Namen des „Vaterlandes“. Seine Frau, mit dem Baby auf dem Rücken, hat ihn verlassen. Sie hatte ihn gewarnt: „Du wirst nie Portugiese sein, die Weißen haben dich benutzt, wie sie uns alle benutzt haben.“ Er hätte sie getötet, wenn nicht ein Nachbar dazwischen gegangen wäre. Wer will schon der Wahrheit ins Gesicht sehen. Er sah sie nie wieder. 1979 seine „Heimkehr“ in das nie gesehene „Vaterland". „Aber niemand hatte den Tisch meines bettelarmen Vaters gedeckt, niemand ihm mitgeteilte, dass ich käme.“ Sein vergangenes und sein jetziges Leben spulen sich wie ein Film durch seine Gedanken. Nun schreibt er das Drehbuch seines Lebens. Er fühlt sich von der Stadt geschwängert, wenn er mit vorgewölbtem Nabelbruch-Bauch durch die Straßen Lissabons streift: Chiado. Rua Nova do Almada, Rua do Loreto.Rua do Alecrim, Largo de Camões und immer wieder António Maria Cardoso. Buchläden, Restaurants, Bäckereien, Menschen im Laufschritt. Keiner beachtet ihn. Aber er registriert offenen Auges seine Stadt, die Veränderungen, die Menschen und ihre Gleichgültigkeit. Ein Fremder, in einem fremden Land, in einem fremden Leben und doch gibt es einige Lebewesen, die ihm nah sind, denen er nah ist. Da ist Fatinha, ein Mädchen, schwarz wie er, aus Sáo Tomé und Príncipe, das an einer Straßenbahnhaltestelle der Linie 28 lebt. Sie ist erst 20, hat Diabetes, redet wirres Zeug, ist ungekämmt und riecht ungewaschen, ist dick von Wein und Bier. Sie nennt ihn ihren Prinzen und die Haltestelle ihren Palast, in den sie manchmal imaginierte Gäste einlädt. Da ist Vando, ein junger Drogensüchtiger, für den er wie ein Vater ist, der sich mit Boa Morte einen Gemüsegarten außerhalb der Stadt aufbaut. Freude am Sprießen und Gedeihen der Pflanzen, Gott vollbringt in der Dunkelheit des Beetes seine Wunder. Hoffnung auf ein bisschen Extrageld durch Verkauf auf dem Markt. Da ist Dona Idalina, die ihm ein Zimmer überlässt und das Gartenstück, sie hat vier Hühner besorgt. Sie feiern, mit Gitarrenmusik und Tanz, sie haben frische Eier. Da ist Senhor Prestes, der sich um die Gestrandeten, aus dem Gesundheitswesen Gefallenen kümmert. Und dann - ja, dann ist da Jardel, Jardel da Silva. Der wie ein Wunder an seiner Seite auftaucht und sein treuester Gefährte wird. Eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Hund, jeder träumt ein wenig denTraum des anderen. Durch ihn fühlt er sich lebendig,Jardel ist sein Lebensretter. Und dann seine Tochter Aurora: nah und fern zugleich. „Wenn ich Dir schreibe, lebst Du, wenn ich schreibe, bin ich lebendig“. Er wäre gern mit ihr Seite an Seite gegangen. Boa Morte sieht sich selbst als Mann ohne Gepäck, dessen Heimat der Chiado ist. „Niemand sieht uns, die Gestrandeten, niemand will uns sehen, aber wir sehen einander.“ Seine Briefe an die Tochter, von der er nicht einmal die Adresse weiß, sind ein Stück Lebensgeständnis über das Hier und Jetzt, über das Vergangene, sind durchtränkt mit Saudade, des lusitanischen Weltschmerzes, der Wehmut und auch der Sehnsucht. Boa Morte ist ein stiller Beobachter: die Farben der Mäntel, der Autos und der Markisen. Das Gelb der Sonnenschirme, goldenes Nachmittagslicht auf Marmorfassaden, leuchtendes Lila einer Plastiktüte. Und er nimmt die Geräusche der Großstadt still in sich auf: das Kreischen der Möwen, das Läuten der Kirchenglocken, das Gebimmel der Straßenbahnen, das metallische Geräusch von Kaffeelöffeln aus einem Café, ein Schlaflied aus einem Fenster. Wir werden Zeugen seines Abschiednehmens. Er möchte nur ein Symbol auf seinem Grabstein: seine Schritte als Fußabdruck, die seine Wanderungen versinnbildlichen. Seine Wanderungen durch das Leben, durch den Chiado. Er übergibt Fatinha seine Briefe an die Tochter, aber der Wind wehte sie fort. Er geht in die Metro und verschwindet in der Menge. „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek.“ Boa Morte (der gute Tod) sah sich selbst als zerrissene, als geplünderte Bibliothek. Ein kleiner Roman, der die Menschen sensibel und mitfühlend portraitiert, poetisch und prosaisch zugleich, der voller Schmerz und Reue ist und doch von Hoffnungsschimmern, von menschlicher Würde durchwoben ist. Ein zartes behutsames Werk, das zart und behutsam gelesen werden muss. Man möchte den nächsten „Nachtzug nach Lissabon“ nehmen, um auf den Wegen des Chiado den Schritten Boa Morte da Silvas zu folgen.
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Vom Leben und Sterben

Almut Scheller-Mahmoud am 07.03.2023
Bewertungsnummer: 1894980
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Vom Leben und Sterben. Der angolanisch-portugiesischen Autorin Djaimilia Pereira de Almeida ist wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Meisterwerk der Sprache, ein Meisterwerk der Empathie mit einem „Fremdling“. Ihr gelingt es, wechselnd in der Ich-Form und der dritten Person, das Leben des schwarzen alten Mannes Boa Morte da Silva aus Angola wie einen Fächer vor uns auszubreiten, einen Spannungsbogen zu schaffen. Boa Morte mäandert in Selbstreflexionen und Briefen an seine Tochter Aurora durch sein Leben. Das Leben eines Vergessenen, eines Heimatlosen, der sich in den Straßen Lissabons, im Viertel Chiado seinen Lebensunterhalt verdient. Als Parkplatzwächter, eine entfremdete, entfremdende Existenz. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seine Position in einem Büro aufgab, um sich der kolonialen portugiesischen Armee zu verpflichten. In der Hoffnung, ein anerkannter Portugiese zu werden. Er hat getötet: die eigenen Blutsbrüder und Landsleute, wahllos. Ein Kamerad starb in seinen Armen.“Ich habe ihn sterben lassen, um mich selbst zu retten.“ Alles im Namen des „Vaterlandes“. Seine Frau, mit dem Baby auf dem Rücken, hat ihn verlassen. Sie hatte ihn gewarnt: „Du wirst nie Portugiese sein, die Weißen haben dich benutzt, wie sie uns alle benutzt haben.“ Er hätte sie getötet, wenn nicht ein Nachbar dazwischen gegangen wäre. Wer will schon der Wahrheit ins Gesicht sehen. Er sah sie nie wieder. 1979 seine „Heimkehr“ in das nie gesehene „Vaterland". „Aber niemand hatte den Tisch meines bettelarmen Vaters gedeckt, niemand ihm mitgeteilte, dass ich käme.“ Sein vergangenes und sein jetziges Leben spulen sich wie ein Film durch seine Gedanken. Nun schreibt er das Drehbuch seines Lebens. Er fühlt sich von der Stadt geschwängert, wenn er mit vorgewölbtem Nabelbruch-Bauch durch die Straßen Lissabons streift: Chiado. Rua Nova do Almada, Rua do Loreto.Rua do Alecrim, Largo de Camões und immer wieder António Maria Cardoso. Buchläden, Restaurants, Bäckereien, Menschen im Laufschritt. Keiner beachtet ihn. Aber er registriert offenen Auges seine Stadt, die Veränderungen, die Menschen und ihre Gleichgültigkeit. Ein Fremder, in einem fremden Land, in einem fremden Leben und doch gibt es einige Lebewesen, die ihm nah sind, denen er nah ist. Da ist Fatinha, ein Mädchen, schwarz wie er, aus Sáo Tomé und Príncipe, das an einer Straßenbahnhaltestelle der Linie 28 lebt. Sie ist erst 20, hat Diabetes, redet wirres Zeug, ist ungekämmt und riecht ungewaschen, ist dick von Wein und Bier. Sie nennt ihn ihren Prinzen und die Haltestelle ihren Palast, in den sie manchmal imaginierte Gäste einlädt. Da ist Vando, ein junger Drogensüchtiger, für den er wie ein Vater ist, der sich mit Boa Morte einen Gemüsegarten außerhalb der Stadt aufbaut. Freude am Sprießen und Gedeihen der Pflanzen, Gott vollbringt in der Dunkelheit des Beetes seine Wunder. Hoffnung auf ein bisschen Extrageld durch Verkauf auf dem Markt. Da ist Dona Idalina, die ihm ein Zimmer überlässt und das Gartenstück, sie hat vier Hühner besorgt. Sie feiern, mit Gitarrenmusik und Tanz, sie haben frische Eier. Da ist Senhor Prestes, der sich um die Gestrandeten, aus dem Gesundheitswesen Gefallenen kümmert. Und dann - ja, dann ist da Jardel, Jardel da Silva. Der wie ein Wunder an seiner Seite auftaucht und sein treuester Gefährte wird. Eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Hund, jeder träumt ein wenig denTraum des anderen. Durch ihn fühlt er sich lebendig,Jardel ist sein Lebensretter. Und dann seine Tochter Aurora: nah und fern zugleich. „Wenn ich Dir schreibe, lebst Du, wenn ich schreibe, bin ich lebendig“. Er wäre gern mit ihr Seite an Seite gegangen. Boa Morte sieht sich selbst als Mann ohne Gepäck, dessen Heimat der Chiado ist. „Niemand sieht uns, die Gestrandeten, niemand will uns sehen, aber wir sehen einander.“ Seine Briefe an die Tochter, von der er nicht einmal die Adresse weiß, sind ein Stück Lebensgeständnis über das Hier und Jetzt, über das Vergangene, sind durchtränkt mit Saudade, des lusitanischen Weltschmerzes, der Wehmut und auch der Sehnsucht. Boa Morte ist ein stiller Beobachter: die Farben der Mäntel, der Autos und der Markisen. Das Gelb der Sonnenschirme, goldenes Nachmittagslicht auf Marmorfassaden, leuchtendes Lila einer Plastiktüte. Und er nimmt die Geräusche der Großstadt still in sich auf: das Kreischen der Möwen, das Läuten der Kirchenglocken, das Gebimmel der Straßenbahnen, das metallische Geräusch von Kaffeelöffeln aus einem Café, ein Schlaflied aus einem Fenster. Wir werden Zeugen seines Abschiednehmens. Er möchte nur ein Symbol auf seinem Grabstein: seine Schritte als Fußabdruck, die seine Wanderungen versinnbildlichen. Seine Wanderungen durch das Leben, durch den Chiado. Er übergibt Fatinha seine Briefe an die Tochter, aber der Wind wehte sie fort. Er geht in die Metro und verschwindet in der Menge. „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek.“ Boa Morte (der gute Tod) sah sich selbst als zerrissene, als geplünderte Bibliothek. Ein kleiner Roman, der die Menschen sensibel und mitfühlend portraitiert, poetisch und prosaisch zugleich, der voller Schmerz und Reue ist und doch von Hoffnungsschimmern, von menschlicher Würde durchwoben ist. Ein zartes behutsames Werk, das zart und behutsam gelesen werden muss. Man möchte den nächsten „Nachtzug nach Lissabon“ nehmen, um auf den Wegen des Chiado den Schritten Boa Morte da Silvas zu folgen.

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Vom Leben und Sterben

Almut Scheller-Mahmoud aus 21109 Hamburg am 07.03.2023

Bewertungsnummer: 1894979

Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Der angolanisch-portugiesischen Autorin Djaimilia Pereira de Almeida ist wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Meisterwerk der Sprache, ein Meisterwerk der Empathie mit einem „Fremdling“. Ihr gelingt es, wechselnd in der Ich-Form und der dritten Person, das Leben des schwarzen alten Mannes Boa Morte da Silva aus Angola wie einen Fächer vor uns auszubreiten, einen Spannungsbogen zu schaffen. Boa Morte mäandert in Selbstreflexionen und Briefen an seine Tochter Aurora durch sein Leben. Das Leben eines Vergessenen, eines Heimatlosen, der sich in den Straßen Lissabons, im Viertel Chiado seinen Lebensunterhalt verdient. Als Parkplatzwächter, eine entfremdete, entfremdende Existenz. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seine Position in einem Büro aufgab, um sich der kolonialen portugiesischen Armee zu verpflichten. In der Hoffnung, ein anerkannter Portugiese zu werden. Er hat getötet: die eigenen Blutsbrüder und Landsleute, wahllos. Ein Kamerad starb in seinen Armen.“Ich habe ihn sterben lassen, um mich selbst zu retten.“ Alles im Namen des „Vaterlandes“. Seine Frau, mit dem Baby auf dem Rücken, hat ihn verlassen. Sie hatte ihn gewarnt: „Du wirst nie Portugiese sein, die Weißen haben dich benutzt, wie sie uns alle benutzt haben.“ Er hätte sie getötet, wenn nicht ein Nachbar dazwischen gegangen wäre. Wer will schon der Wahrheit ins Gesicht sehen. Er sah sie nie wieder. 1979 seine „Heimkehr“ in das nie gesehene „Vaterland". „Aber niemand hatte den Tisch meines bettelarmen Vaters gedeckt, niemand ihm mitgeteilte, dass ich käme.“ Sein vergangenes und sein jetziges Leben spulen sich wie ein Film durch seine Gedanken. Nun schreibt er das Drehbuch seines Lebens. Er fühlt sich von der Stadt geschwängert, wenn er mit vorgewölbtem Nabelbruch-Bauch durch die Straßen Lissabons streift: Chiado. Rua Nova do Almada, Rua do Loreto.Rua do Alecrim, Largo de Camões und immer wieder António Maria Cardoso. Buchläden, Restaurants, Bäckereien, Menschen im Laufschritt. Keiner beachtet ihn. Aber er registriert offenen Auges seine Stadt, die Veränderungen, die Menschen und ihre Gleichgültigkeit. Ein Fremder, in einem fremden Land, in einem fremden Leben und doch gibt es einige Lebewesen, die ihm nah sind, denen er nah ist. Da ist Fatinha, ein Mädchen, schwarz wie er, aus Sáo Tomé und Príncipe, das an einer Straßenbahnhaltestelle der Linie 28 lebt. Sie ist erst 20, hat Diabetes, redet wirres Zeug, ist ungekämmt und riecht ungewaschen, ist dick von Wein und Bier. Sie nennt ihn ihren Prinzen und die Haltestelle ihren Palast, in den sie manchmal imaginierte Gäste einlädt. Da ist Vando, ein junger Drogensüchtiger, für den er wie ein Vater ist, der sich mit Boa Morte einen Gemüsegarten außerhalb der Stadt aufbaut. Freude am Sprießen und Gedeihen der Pflanzen, Gott vollbringt in der Dunkelheit des Beetes seine Wunder. Hoffnung auf ein bisschen Extrageld durch Verkauf auf dem Markt. Da ist Dona Idalina, die ihm ein Zimmer überlässt und das Gartenstück, sie hat vier Hühner besorgt. Sie feiern, mit Gitarrenmusik und Tanz, sie haben frische Eier. Da ist Senhor Prestes, der sich um die Gestrandeten, aus dem Gesundheitswesen Gefallenen kümmert. Und dann - ja, dann ist da Jardel, Jardel da Silva. Der wie ein Wunder an seiner Seite auftaucht und sein treuester Gefährte wird. Eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Hund, jeder träumt ein wenig denTraum des anderen. Durch ihn fühlt er sich lebendig,Jardel ist sein Lebensretter. Und dann seine Tochter Aurora: nah und fern zugleich. „Wenn ich Dir schreibe, lebst Du, wenn ich schreibe, bin ich lebendig“. Er wäre gern mit ihr Seite an Seite gegangen. Boa Morte sieht sich selbst als Mann ohne Gepäck, dessen Heimat der Chiado ist. „Niemand sieht uns, die Gestrandeten, niemand will uns sehen, aber wir sehen einander.“ Seine Briefe an die Tochter, von der er nicht einmal die Adresse weiß, sind ein Stück Lebensgeständnis über das Hier und Jetzt, über das Vergangene, sind durchtränkt mit Saudade, des lusitanischen Weltschmerzes, der Wehmut und auch der Sehnsucht. Boa Morte ist ein stiller Beobachter: die Farben der Mäntel, der Autos und der Markisen. Das Gelb der Sonnenschirme, goldenes Nachmittagslicht auf Marmorfassaden, leuchtendes Lila einer Plastiktüte. Und er nimmt die Geräusche der Großstadt still in sich auf: das Kreischen der Möwen, das Läuten der Kirchenglocken, das Gebimmel der Straßenbahnen, das metallische Geräusch von Kaffeelöffeln aus einem Café, ein Schlaflied aus einem Fenster. Wir werden Zeugen seines Abschiednehmens. Er möchte nur ein Symbol auf seinem Grabstein: seine Schritte als Fußabdruck, die seine Wanderungen versinnbildlichen. Seine Wanderungen durch das Leben, durch den Chiado. Er übergibt Fatinha seine Briefe an die Tochter, aber der Wind wehte sie fort. Er geht in die Metro und verschwindet in der Menge. „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek.“ Boa Morte (der gute Tod) sah sich selbst als zerrissene, als geplünderte Bibliothek. Ein kleiner Roman, der die Menschen sensibel und mitfühlend portraitiert, poetisch und prosaisch zugleich, der voller Schmerz und Reue ist und doch von Hoffnungsschimmern, von menschlicher Würde durchwoben ist. Ein zartes behutsames Werk, das zart und behutsam gelesen werden muss. Man möchte den nächsten „Nachtzug nach Lissabon“ nehmen, um auf den Wegen des Chiado den Schritten Boa Morte da Silvas zu folgen.
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Vom Leben und Sterben

Almut Scheller-Mahmoud aus 21109 Hamburg am 07.03.2023
Bewertungsnummer: 1894979
Bewertet: Buch (Gebundene Ausgabe)

Der angolanisch-portugiesischen Autorin Djaimilia Pereira de Almeida ist wieder ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Meisterwerk der Sprache, ein Meisterwerk der Empathie mit einem „Fremdling“. Ihr gelingt es, wechselnd in der Ich-Form und der dritten Person, das Leben des schwarzen alten Mannes Boa Morte da Silva aus Angola wie einen Fächer vor uns auszubreiten, einen Spannungsbogen zu schaffen. Boa Morte mäandert in Selbstreflexionen und Briefen an seine Tochter Aurora durch sein Leben. Das Leben eines Vergessenen, eines Heimatlosen, der sich in den Straßen Lissabons, im Viertel Chiado seinen Lebensunterhalt verdient. Als Parkplatzwächter, eine entfremdete, entfremdende Existenz. Es ist die Geschichte eines Mannes, der seine Position in einem Büro aufgab, um sich der kolonialen portugiesischen Armee zu verpflichten. In der Hoffnung, ein anerkannter Portugiese zu werden. Er hat getötet: die eigenen Blutsbrüder und Landsleute, wahllos. Ein Kamerad starb in seinen Armen.“Ich habe ihn sterben lassen, um mich selbst zu retten.“ Alles im Namen des „Vaterlandes“. Seine Frau, mit dem Baby auf dem Rücken, hat ihn verlassen. Sie hatte ihn gewarnt: „Du wirst nie Portugiese sein, die Weißen haben dich benutzt, wie sie uns alle benutzt haben.“ Er hätte sie getötet, wenn nicht ein Nachbar dazwischen gegangen wäre. Wer will schon der Wahrheit ins Gesicht sehen. Er sah sie nie wieder. 1979 seine „Heimkehr“ in das nie gesehene „Vaterland". „Aber niemand hatte den Tisch meines bettelarmen Vaters gedeckt, niemand ihm mitgeteilte, dass ich käme.“ Sein vergangenes und sein jetziges Leben spulen sich wie ein Film durch seine Gedanken. Nun schreibt er das Drehbuch seines Lebens. Er fühlt sich von der Stadt geschwängert, wenn er mit vorgewölbtem Nabelbruch-Bauch durch die Straßen Lissabons streift: Chiado. Rua Nova do Almada, Rua do Loreto.Rua do Alecrim, Largo de Camões und immer wieder António Maria Cardoso. Buchläden, Restaurants, Bäckereien, Menschen im Laufschritt. Keiner beachtet ihn. Aber er registriert offenen Auges seine Stadt, die Veränderungen, die Menschen und ihre Gleichgültigkeit. Ein Fremder, in einem fremden Land, in einem fremden Leben und doch gibt es einige Lebewesen, die ihm nah sind, denen er nah ist. Da ist Fatinha, ein Mädchen, schwarz wie er, aus Sáo Tomé und Príncipe, das an einer Straßenbahnhaltestelle der Linie 28 lebt. Sie ist erst 20, hat Diabetes, redet wirres Zeug, ist ungekämmt und riecht ungewaschen, ist dick von Wein und Bier. Sie nennt ihn ihren Prinzen und die Haltestelle ihren Palast, in den sie manchmal imaginierte Gäste einlädt. Da ist Vando, ein junger Drogensüchtiger, für den er wie ein Vater ist, der sich mit Boa Morte einen Gemüsegarten außerhalb der Stadt aufbaut. Freude am Sprießen und Gedeihen der Pflanzen, Gott vollbringt in der Dunkelheit des Beetes seine Wunder. Hoffnung auf ein bisschen Extrageld durch Verkauf auf dem Markt. Da ist Dona Idalina, die ihm ein Zimmer überlässt und das Gartenstück, sie hat vier Hühner besorgt. Sie feiern, mit Gitarrenmusik und Tanz, sie haben frische Eier. Da ist Senhor Prestes, der sich um die Gestrandeten, aus dem Gesundheitswesen Gefallenen kümmert. Und dann - ja, dann ist da Jardel, Jardel da Silva. Der wie ein Wunder an seiner Seite auftaucht und sein treuester Gefährte wird. Eine symbiotische Beziehung zwischen Mensch und Hund, jeder träumt ein wenig denTraum des anderen. Durch ihn fühlt er sich lebendig,Jardel ist sein Lebensretter. Und dann seine Tochter Aurora: nah und fern zugleich. „Wenn ich Dir schreibe, lebst Du, wenn ich schreibe, bin ich lebendig“. Er wäre gern mit ihr Seite an Seite gegangen. Boa Morte sieht sich selbst als Mann ohne Gepäck, dessen Heimat der Chiado ist. „Niemand sieht uns, die Gestrandeten, niemand will uns sehen, aber wir sehen einander.“ Seine Briefe an die Tochter, von der er nicht einmal die Adresse weiß, sind ein Stück Lebensgeständnis über das Hier und Jetzt, über das Vergangene, sind durchtränkt mit Saudade, des lusitanischen Weltschmerzes, der Wehmut und auch der Sehnsucht. Boa Morte ist ein stiller Beobachter: die Farben der Mäntel, der Autos und der Markisen. Das Gelb der Sonnenschirme, goldenes Nachmittagslicht auf Marmorfassaden, leuchtendes Lila einer Plastiktüte. Und er nimmt die Geräusche der Großstadt still in sich auf: das Kreischen der Möwen, das Läuten der Kirchenglocken, das Gebimmel der Straßenbahnen, das metallische Geräusch von Kaffeelöffeln aus einem Café, ein Schlaflied aus einem Fenster. Wir werden Zeugen seines Abschiednehmens. Er möchte nur ein Symbol auf seinem Grabstein: seine Schritte als Fußabdruck, die seine Wanderungen versinnbildlichen. Seine Wanderungen durch das Leben, durch den Chiado. Er übergibt Fatinha seine Briefe an die Tochter, aber der Wind wehte sie fort. Er geht in die Metro und verschwindet in der Menge. „Wenn ein Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek.“ Boa Morte (der gute Tod) sah sich selbst als zerrissene, als geplünderte Bibliothek. Ein kleiner Roman, der die Menschen sensibel und mitfühlend portraitiert, poetisch und prosaisch zugleich, der voller Schmerz und Reue ist und doch von Hoffnungsschimmern, von menschlicher Würde durchwoben ist. Ein zartes behutsames Werk, das zart und behutsam gelesen werden muss. Man möchte den nächsten „Nachtzug nach Lissabon“ nehmen, um auf den Wegen des Chiado den Schritten Boa Morte da Silvas zu folgen.

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