Das Internet wird immer schlimmer.Und das ist kein Zufall. Cory Doctorow hat dafür einen Namen: "Enshittification". Das ist der Prozess, durch den Plattformen im Netz dominant wurden, weil sie praktische, zuverlässige Dienste anboten und sie dann systematisch verschlechterten. Sobald Menschen von ihnen abhängig waren, optimierten sie sich für Unternehmen, die dort Geschäfte machen wollten. Dann verschlechterten sie die Konditionen auch für die Unternehmen, bis am Ende nur noch die Investoren profitierten.Dieses Hörbuch ist eine Zerlegeanleitung für Big Tech, ein Fahrplan zur Rückeroberung der digitalen Infrastruktur. Es ist eine Diagnose. Und es ist eine Kur.
Kundinnen und Kunden meinen
4.5/5.0
Céline
Orell Füssli Book Circle Community
5/5
08.09.2026
eBook (ePUB 3)
Plädoyer für mehr Wettbewerb
“Enshittification” von Cory Doctorow ist auf Deutsch 2026 im aufbau Verlag erschienen. Ich habe das E-Book als Rezensionsexemplar auf einer Bücherplattform erhalten, vielen Dank dafür.
Aufmerksam geworden bin ich auf “Enshittification” einerseits weil mir das Cover ins Auge gestochen ist (obwohl es nicht rasend orginiell ist, ist es sehr “catchy” finde ich), und andererseits weil ich vermutlich schon mal über den Begriff gestolpert bin und eine Vorstellung hatte, was das Thema des Buche sein wird. Ein Blick in die Kurzbeschreibung hat mit meine Vermutung bestätigt und mein Interesse so richtig geweckt.
Der Titel des Buches - so wie ich verstehe ist das eine eigene Wortschöpfung des Autors - beschreibt in der Tat sehr eingängig, womit der Autor sich auch auseinandersetzt, nämlich die digitale Vermüllung der Welt. Anhand mehrerer weltweit bekannter Beispiele wie Amazon oder Facebook beschreibt Doctorow, wie sich diese Plattformen von irgendwie idealistischen - oder zumindest einfach mal ergebnisoffenen - Projekten aus der “alles ist aufregend und möglich”-Anfangszeit des Internets in gigantische Monopole unvorstellbaren Ausmasses verwandelt haben, und damit auch der Fokus nicht mehr darauf liegt, dem Nutzer ein gutes Produkt anzubieten, sondern mehr darauf, die Zitrone bis zum letzten Tropfen auszupressen.
Doctorows grosse Leistung in diesem Buch besteht für mich darin, dem Leser eine schleichende Entwicklung, die sich über die letzen 20 bis 30 Jahre ergeben hat bewusst zu machen, und mit fundierter Kritik dazu zu bringen, eigene Überzeugungen zu hinterfragen: Plötzlich erinnert man sich einmal wieder bewusst daran, wie Amazon zu Beginn der Nullerjahre war; wie spannend und neu Online-Shopping war; wie Google einem dabei geholfen hat echte, gute Informationen zu finden; oder wie unterhaltsam es war, auf Facebook die Posts echter Menschen, echter Freunde zu sehen. Wir haben uns heute mit einer unerklärlichen Schicksalsergebenheit so sehr an die Abhängigkeit von Monopolen gewöhnt, und an ihre “digitale Jauche” , die uns regelmässig über den Kopf gegossen wird, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen (kleine Ecken des Internets wie Bücherplattformen, in welchen Menschen noch echte Rezensionen echter Bücher schreiben kommen mir da grad wie eine winzige Widerstandsbewegung vor, wie ein Zeichen des Glaubens, dass da noch was anderes ist, was es zu bewahren lohnt). Diese Reflektion bringt auch Menschen, die wie ich eigentlich an den Kapitalismus glauben zum Nachdenken, was alles falsch gelaufen ist, und welche Überzeugungen vielleicht schlicht über Bord geworfen gehören.
“Enshitticiation” ist für mich ein Plädoyer für Märkte, und für Kapitalismus - aber in einer gesunden Version, in einer Version die mit griffigen Regeln Menschen - Konsumenten und zahlende Kunden - schützt und für Wettberwerb sorgt, anstatt sich zum Diener der Giganten zu machen und diese dabei zu unterstützen, uns irgendwie geistig und finanziell komplett zu schröpfen.
Rein sprachlich hätte man in diesem Buch sicherlich einiges noch besser gestalten können, es gibt (zu) viele Zeitsprünge hin und zurück; an einigen Stellen ist es recht repetitiv (der Autor scheint wirklich für das Thema zu brennen), und man hätte auch mit einigen Seiten weniger auskommen und dieselbe Wirkung erreichen können. Nichtsdestotrotz ist das Buch meines Erachtens sehr lesenswert, und ich emfpfehle es allen, die sich für Wirtschaft sowie die Entwicklung der digitalen Welt interessieren.
Bewertung
aus Speyer
4/5
19.05.2026
eBook (ePUB 3)
Hält seiner Leserschaft den Spiegel vor
Vor Jahren oder besser Jahrzehnten war das Internet noch anders: Man nutzte (verschiedene) Suchmaschinen, die einem Ergebnisse lieferten, nach denen man gesucht hatte. Doch das änderte sich und so lief es fast überall. Nur ein Gefühl oder Tatsache? Dieser Frage geht Cory Doctorow in „Enshittification“ nach.
Nach einer kurzen Einleitung, worum es bei dem Buch gehen soll, widmet sich dessen Autor dem ersten Teil, dem natürlichen Krankheitsverlauf. Dieser Teil ist immer gleich aufgebaut und geht der Reihe nach verschiedene große Portale durch. Im zweiten Teil geht es um die „Pathologie“, also welche Formen der Disziplinierung es gebe. Im dritten Teil geht es um die Epidemiologie (begonnen beim Ende des Wettbewerbs über Diskriminierungen bis zu Gewerkschaften), all das vorgestellt an diversen Apps und im vierten Teil geht es um die Heilung (hier geht es weitgehend um Regulierungen, Gesetze usw.). Im Fazit geht es schließlich noch um die Frage, ob Enshittification letztlich nur Kapitalismus sei. Die Erläuterungen im Anhang verleihen dem Buch einen wissenschaftlichen Anstrich.
Auch wenn es oben hieß, dass es im Buch um die Frage gehe, ob das Internet schlechter werde, ist festzuhalten, dass Doctorow faktisch die These aufstellt und das belegt, verglichen mit dem sehr treffenden Bild von Krankheiten, deren Verlauf sowie weiteren „Folgen“. Mit seinen Analysen belegt er, dass es eben nicht nur „so ein Gefühl“ ist, dass sich die Machtverhältnisse im Internet verschoben haben. Er erläutert zugleich aber auch, dass jeder Nutzer großer monopolistischer Portale Teil des Problems ist und einen Beitrag zur Problemlösung leisten kann. Damit erhält man nicht nur die Analyse, sondern auch Lösungsansätze. Ob seine Idee eines durch verändertes Verhalten wieder besseres Internet als blauäugig zu bezeichnen ist, sei dahingestellt (dass die Masse quasi anlasslos ihr Verhalten verändert, darf wohl bezweifelt werden, zumal sie gerade der nächsten heiligen Kuh hinterherrennt) und ob bei einer Rückkehr zur „guten alten Zeit“ alles besser wäre, ebenso. Dennoch hält Doctorow uns einen Spiegel vor und das ist gut. Ganz im Stile angloamerikanischer Populärwissenschaftsliteratur liest sich das Buch leicht, ist gar unterhaltsam (wer mit dem Ausdruck „Sch…“ nicht klarkommt, sollte das Buch jedoch meiden). Lesen sollte „Enshittfification“ jede(r), der das Gefühl hat, dass Internetkonzerne sich die Welt gestalten, wie es ihnen gefällt.
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