Schweigen hat einen PreisDie Basilicata gilt als Geheimtipp Süditaliens: rau, ursprünglich, uralte Dörfer und voller verborgener Schönheit. Doch unter der Oberfläche lagert noch ein anderer Schatz: Erdöl - und mit ihm geraten auch jene auf den Plan, die aus dunklen Geschäften Profit schlagen.Für die Umweltwissenschaftlerin Jessica Crocco wird die Region zur Hoffnung ihrer Doktorarbeit. Ihr Vater Achim fürchtet die Schattenseiten der Heimat seiner Vorfahren. Als sie der Sondermülldeponie in Guardia Perticara zu nahekommen, geraten Vater und Tochter ins Visier mächtiger Männer, die kein Interesse an unbequemen Fragen haben. Was zunächst wie ein unsichtbarer Schatten wirkt, nimmt plötzlich Gestalt an: Drohungen. Bestechung. Gewalt.Wie weit würdest du gehen, um deine Familie zu schützen?
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Familiäre Nähe, politische Bedrohung und persönliche Verletzlichkeit
„Wenn du nichts dagegen einzuwenden hast, so wünsche ich mir, dass ich meine Tochter nicht beerdigen muss.“
Achims Tochter will unbedingt die Sondermülldeponie in Guardia Perticara in ihre Doktorarbeit einbauen. Er fürchtet sich vor den Gefahren und versucht mit allen Mitteln sie davon abzubringen, ohne sie zu entmutigen, die Basilikata als Thema ihrer Doktorarbeit zu haben.
Diese Passage bündelt beispielhaft eine der grossen Stärken des Romans: Er verbindet familiäre Nähe, politische Bedrohung und persönliche Verletzlichkeit in einem einzigen, schmerzhaft klaren Satz. Was zunächst wie eine harte Replik wirkt, öffnet den Blick auf Achims tiefes Bedürfnis, seine Tochter zu schützen. Gerade diese Spannung zwischen väterlicher Sorge, wissenschaftlicher Neugier, regionaler Verantwortung und realer Gefahr macht den Roman ausserordentlich lebendig.
Montanos zweiter Roman der Achim-Crocco-Reihe ist keine Fortsetzung des ersten Romans. Der Roman beginnt mit einer Abzweigung in «Die Tote von Anglona» und ab da laufen die beiden Geschichten parallel. Man kann problemlos mit dem zweiten Roman beginnen. Wer beide Bücher gelesen hat, wird die Brücken erkennen.
Besonders überzeugend ist die Art, wie der Roman die Basilikata nicht bloss als Schauplatz nutzt, sondern als eigenständige erzählerische Kraft. Landschaft, Geschichte, Essen, Verkehr, Dorfleben, Auswanderung, Erdöl, Wasser, Landwirtschaft und organisierte Kriminalität greifen ineinander und formen ein dichtes, sinnliches Panorama. Man riecht die Kräuter, hört die Zikaden, spürt die Hitze, die Enge der Dorfgassen und die soziale Kontrolle eines Ortes, in dem nichts unbeobachtet bleibt. Diese Genauigkeit vermittelt Authentizität und macht die Region für Leserinnen und Leser erfahrbar.
Auch die Figurenzeichnung trägt wesentlich zur Wirkung bei. Achim ist keine glatte Heldenfigur, sondern ein vielschichtiger Mensch: liebevoll, rechthaberisch, impulsiv, verletzlich, gebildet, manchmal unbeholfen und gerade deshalb glaubwürdig. Seine Beziehung zu Jessica gehört zu den emotional stärksten Linien des Romanes. Zwischen beiden gibt es Reibung, Stolz, Sorge, Missverständnisse und Zuneigung – und genau daraus entsteht eine grosse erzählerische Wärme. Die Dialoge innerhalb der Familie wirken lebendig, oft humorvoll, manchmal scharf, aber nie beliebig.
Bemerkenswert ist zudem, wie der Roman private und gesellschaftliche Ebenen verknüpft. Jessicas Dissertation, Achims Familiengeschichte und die Auseinandersetzung um die Sondermülldeponie werden zu einem gemeinsamen Konfliktfeld. Dadurch entsteht mehr als ein Familienroman oder ein politischer Roman: Es ist eine Geschichte über Verantwortung gegenüber den eigenen Kindern, gegenüber einer Herkunftsregion und gegenüber einer Zukunft, die noch gestaltet werden kann.
Die wohl grösste Qualität des Romanes liegt in seiner Haltung. Er urteilt nicht vorschnell, sondern lässt Widersprüche stehen. Die Deponie ist nicht nur ein Symbol des Bösen, sondern Teil eines komplexen Geflechts aus Arbeit, Geld, Korruption, Hoffnung, Angst und Abhängigkeit. Gerade diese Differenziertheit macht die Kritik glaubwürdig. Der Roman vertraut darauf, dass Leserinnen und Leser komplexe Zusammenhänge aushalten können.
Insgesamt entfaltet der Roman mit grosser erzählerischer Geduld eine Welt, in der Familiengeschichte, Umweltfragen und die Schatten organisierter Macht untrennbar miteinander verbunden sind. Hinter Konflikten stehen immer Menschen, die lieben, hoffen und Angst haben.
Bewertung
4/5
23.09.2026
Buch (Taschenbuch)
Eine Liebeserklärung an die Basilikata
MARTAS GIFT ist der zweite Teil der Achim Crocco-Reihe, kann aber problemlos unabhängig von DIE TOTE VON ANGOLNA gelesen werden. Ähnlich wie dieses ist MARTAS GIFT kein typischer Krimi, wenn überhaupt. Der Klappentext verspricht viel und tatsächlich ist von seichtem Krimi bis Thriller alles drin. Nur, wer bereits Montanos Erstlingswerk gelesen hat, weiß, dass es dem Autor nicht um eine actionreiche Handlung geht. Er stellt die Basilikata, eine kaum bekannte Region Italiens, in den Vordergrund, und betreibt dabei eher Werbung für die Region. Montano verbindet eine Vater-Tochter-Geschichte mit Umweltproblemen, wirtschaftlichen Interessen, Korruption und organisierter Kriminalität. Familiengeschichte trifft auf Krimi. Dabei legt der Autor mehr Wert auf seine Charaktere, die in gewisser Weise typisch für ihre Herkunft sind (und das bezieht sich aud Amerikaner, Deutsche und Italiener in gleichem Maße), ohne dabei Klischees zu bedienen oder stark zu überzeichnen, und die Landschaft. Bedrohlich wird es durch menschliche Interessen, und der Mafia (die gerüchteweise ihre Finger im Spiel hat). Spannung entsteht häufig aus Gesprächen, Beobachtungen und der zunehmenden Erkenntnis, dass hinter einzelnen Vorgängen ein größeres Geflecht steht. Drohungen, Bestechung und Gewalt lassen die zunächst eher abstrakte Gefahr schließlich sehr konkret werden. Hinzu kommt aber die entschleunigte Erzählweise, Landschaften, Orte, Reisen, Essen und andere Details erhalten viel Raum. Langatmig ist das bei weitem nicht, aber man muss sich darauf einstellen, dass man keinen typischen Krimi oder Thriller vorgesetzt bekommt (und schon gar keine Giftmörderin namens Marta ... aber der Titel hat durchaus seine Berechtigung). Aber das Lesen lohnt sich. MARTAS GIFT ist auf der einen Seite fröhlich, locker wie das italienische Dolce Vita, aber mit bitterem Beigeschmack, der dazu verleitet über Umweltthemen nach zu denken. In gewisser Weise verbindet Montano die angenehmen Seiten Italiens mit den weniger angenehmen ... und bietet keinen klassischen Krimi, sondern mehr (oder weniger, das liegt im Auge des Betrachters, aber wenn man mit DIE TOTE VON ANGOLNA vertraut ist, und weder Whodunit noch Cosy erwartet, wird seine Freude haben)
Manuela Hahn
4/5
25.08.2026
Buch (Taschenbuch)
MARTAS GIFT
Mit „Martas Gift“ legt Gianpietro Montano den zweiten Band seiner packenden Achim-Crocco-Reihe vor. Wer den Vorgänger „Die Tote von Anglona“ kennt, ist mit der atmosphärischen Landschaft der italienischen Region Basilicata und mit Achims Lebensumständen bereits vertraut. Der neue Kriminalroman knüpft eng an den ersten Teil an,als Leser wird man förmlich mitten in die Geschichte hineingeworfen. Erfahre in dieser Rezension zu Martas Gift, ob der Umwelt-Krimi mit dem starken Debüt mithalten kann.
Worum geht es in „Martas Gift“?
Zu Beginn reflektiert Ermittler Achim einen Zoom-Call mit seiner Tochter Jessica. Sie ist entsetzt darüber, dass in unmittelbarer Nähe eine Giftmülldeponie errichtet oder eine bereits bestehende Deponie erweitert werden soll. Dort sollen schädliche Abfallprodukte aus der Erdölindustrie gelagert werden. Im Roman wird schnell deutlich: Das Lagern ist für die Konzerne offenbar günstiger, als die Rückstände fachgerecht zu verwerten. Ein erschreckender Gedanke, der zeigt, dass es hier nicht nur um ein lokales Umweltproblem geht.
Achim würde Jessica gern in seiner Nähe wissen. Sie soll bei ihm ihre Doktorarbeit in Umweltwissenschaften schreiben und sich aber nicht mit den illegalen Vorgängen vor Ort beschäftigen. Doch je mehr Fragen gestellt werden, desto gefährlicher wird die Situation für Vater und Tochter. Bedrohung, Korruption und kriminelle Netzwerke spielen eine zentrale Rolle. Bald wird klar, dass die Mächtigen im Hintergrund keinerlei Interesse daran haben, dass die Wahrheit jemals ans Licht kommt.
Wie schon im ersten Band beschreibt Gianpietro Montano die Landschaft, das Essen und den Wein Süditaliens sehr ausführlich. Dadurch entsteht eine dichte, packende Atmosphäre. Man spürt in jedem Kapitel, dass der Autor diese Region nicht nur als bloßen Schauplatz verwendet, sondern sie den Leserinnen und Lesern wirklich nahebringen möchte.
Allerdings waren mir manche Passagen gelegentlich etwas zu ausführlich geraten. Wenn beispielsweise ein großer Flughafen sehr detailliert geschildert wird, war das für meinen Geschmack stellenweise etwas zu viel des Guten, schließlich wissen wir im Allgemeinen alle, wie große Flughäfen aussehen.
Die interessante Handlung leidet darunter jedoch nicht dauerhaft. Die Spannung bleibt über weite Strecken erhalten, und die ausführlichen Landschafts- und Milieuschilderungen verleihen dem Roman gleichzeitig seinen ganz eigenen Charakter.
Besonders gelungen finde ich, wie der Autor die klassische Krimihandlung mit hochaktuellen Themen verbindet. Es geht in „Martas Gift“ nicht nur um persönliche Bedrohungen. Im Fokus stehen:
Illegale Umweltzerstörung in Italien, skrupellose wirtschaftliche Interessen und die Frage, welchen Preis wir Menschen bereit sind, für Profit zu zahlen
Dabei wird erschreckend realistisch deutlich, wie eng Korruption, Macht und kriminelle Strukturen in der Wirtschaft miteinander verbunden sein können.
Fazit: Für wen lohnt sich „Martas Gift“?
Wer den ersten Band „Die Tote von Anglona“ gelesen hat, wird sich in Achims Welt schnell wieder zurechtfinden. Bekannte Figuren und Schauplätze treffen auf neue Themen rund um Umweltwissenschaft und Erdölindustrie, die dem zweiten Band eine eigene Richtung geben.
„Martas Gift“ ist eine atmosphärische Fortsetzung mit einem brisanten Thema, interessanten Figuren und einer spannenden Handlung. Die ausführlichen Beschreibungen von Landschaft, Essen und Wein waren mir an einigen Stellen etwas zu lang. Insgesamt hat mich der Roman aber erneut in die Basilicata entführt und mit seinem Zusammenspiel aus Bedrohung, Korruption und Umweltproblematik überzeugt. Eine klare Empfehlung für Fans italienischer Kriminalromane!
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