Ein einzigartiges Hörerlebnis – so komisch und unterhaltsam, wie Literatur nur sein kann.Im Winter 1884 versammeln sich auf Einladung Bismarcks die großen Mächte zu einer Konferenz, auf der ein ganzer Kontinent mit all seinen Reichtümern aufgeteilt werden soll: Afrika. Es geht um die Errettung der Eingeborenen aus Heidentum und Sklaverei – doch wer sagt, dass man an guten Taten nicht auch bestens verdienen darf?Österreich wird von Legationsrat Strinetzky vertreten, denn der Botschafter ist verhindert: Franz Liszt hat ihm ein Pianostück gewidmet, er muss üben. Strinetzky hat jedoch ganz andere Probleme. Um die Affäre mit einer Actrice zu finanzieren, hat er beträchtliche Gelder an einen fiktiven Gutachter namens "Doktor Waldbach" fließen lassen. In Berlin taucht nun auf einmal ein echter Waldbach auf. Der Betrug droht aufzufliegen, Strinetzky muss dringend 5.000 Gulden auftreiben. Und dann beleidigt er noch aus Versehen einen preußischen Offizier, der ihn zum Duell im Grunewald fordert.Mit derlei Sorgen im Nacken irrt der Legationsrat über das diplomatische Parkett, wo sich die internationalen Mächte belauern. Unversehens macht die Not aus Strinetzky einen gerissenen Verhandler – mit weltpolitischen Folgen.Daniel Kehlmanns Hörbuch führt in die Kolonial-Ära, im Blick hat er dabei unsere eigene gewaltvolle Gegenwart.Ulrich Noethen ist preisgekrönter Schauspieler und Hörbuchinterpret. Seine Lesungen von Daniel Kehlmanns Die Vermessung der Welt, Tyll und Lichtspiel sind hochgelobt und Bestseller. Er fühlt sich in Afrika auch auf dem diplomatischen Parkett hörbar wohl.
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06.11.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Kolonial-Satire
Mit seinem neuesten Werk „Afrika“ legt Daniel Kehlmann wieder einmal einen historischen Roman vor, der sich diesmal auf ebenso präzise wie scharfsinnige Weise mit dem europäischen Kolonialismus und den damit verbundenen Absurditäten der Macht beschäftigt.
Im Zentrum der unerwartet schmalen Handlung steht die Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85, auf welcher die europäischen Großmächte den afrikanischen Kontinent wie eine Torte unter sich aufteilen, ohne dabei die dort lebende Bevölkerung auch nur im Geringsten zu berücksichtigen. Kehlmann beschränkt sich in seiner Erzählung nahezu ausschließlich auf dieses diplomatische Ränkespiel, wobei die eigentliche Handlung selbst im Rückblick nur wenige Tage umfasst und zu einem Großteil aus endlosen Reden, taktischen Manövern und zähem Verhandeln besteht. Inmitten dieses historischen Tableaus lässt der Autor reale Figuren wie den Reichskanzler Otto von Bismarck, den Entdecker Henry Morton Stanley oder den belgischen König Leopold II. auftreten. Es gelingt Kehlmann, diese mächtigen Gestalten der Weltgeschichte authentisch in das erzählerische Gefüge einzubinden, indem er sie jenseits bloßer Geschichtsbuch-Klischees in ihrer ganzen Skurrilität, Eitelkeit und moralischen Fragwürdigkeit porträtiert.
Als fiktiver Fixpunkt fungiert der österreichische Legationsrat Gustav von Strinetzky, ein chronisch zerstreuter und eher mittelmäßiger Beamter, der durch puren Zufall in die Vertretung seines Botschafters hineinstolpert. Strinetzky ist getrieben von der panischen Angst vor einem bevorstehenden Pistolenduell, in das er sich am Vortag aus absurden Gründen verstrickt hat. Ausgerechnet seine vermeintliche „Feigheit“ und sein nackter Überlebensdrang erweisen sich in diesem zynischen Haifischbecken der Diplomatie als seine wichtigste Eigenschaft, da sein ständiges Zögern, Taktieren und Missverstehen von den machtbesessenen Staatsmännern fälschlicherweise als die geniale Taktik eines abgefeimten Verhandlungsprofis gedeutet wird.
Die Atmosphäre des Romans ist von einer fast greifbaren, düsteren Melancholie durchzogen. Kehlmann fängt die winterliche Kulisse Berlins mit viel Prägnanz und schlichter Bildgewalt ein; der unaufhörliche Schnee, die klirrende Kälte und schließlich das historisch verbürgte Phänomen eines surrealen Blutregens spiegeln die moralische Erstarrung und die unheilvolle Vorahnung der Epoche perfekt wider. Kehlmanns Sprache ist dabei wie gewohnt von einer schlichten Eleganz und feinen, altertümlichen Nuancen durchzogen, die jedoch niemals in eine bloße, leblose Nachahmung klassischer Werke münden, sondern eine ganz eigene, rhythmische Sprachmelodie bilden.
Obwohl der Roman im Vergleich zu großangelegten Epochenbildern wie „Tyll“ oder „Lichtspiel“ sehr handlungsarm und überraschend kurz ausgefallen ist, bringt Kehlmann seine Figuren auf diesem schmalen Raum vollkommen zum Atmen. Selbst Nebenfiguren wie Strinetzkys unterkühlte Ehefrau Rosa wirken psychologisch tiefenscharf und geschliffen gezeichnet. Die größte Stärke des Textes liegt zweifellos in dem Duell, das wie eine dunkle Gewitterwolke über der gesamten Szenerie schwebt. Diese existenzielle Bedrohung beeinflusst Strinetzkys Handeln maßgeblich und verbindet das private Schicksal auf ironische Weise mit dem politischen Geschehen: Während draußen im Morgengrauen um die persönliche Ehre geschossen wird, besiegeln die Staatsmänner drinnen am Konferenztisch das Schicksal von Millionen Menschen.
Da Kehlmann und Christian Kracht in ihrem Wesen als literarische Sezierer oft verglichen werden, lag anfangs die Vermutung einer Parallele zu Krachts Südsee-Kolonialdrama „Imperium“ nahe. Diese Erwartung erfüllt sich jedoch nicht: Kehlmanns Ansatz ist ein völlig anderer. Er bietet einen unerwarteten, mikroskopisch präzisen Blick auf die europäische Kolonialgeschichte, der nicht das große Ganze abbilden will, sondern sich ganz auf den schmalen Kontext der diplomatischen Kulissenschieberei konzentriert.
„Afrika“ ist somit ein typischer Kehlmann geworden. Er ist sprachlich einmalig und erweist sich in seiner Kürze und Knappheit nicht als schlicht, sondern als schillernd. Der Autor verzichtet auf epische Breite und lässt stattdessen eine meisterhafte Einfachheit und Zugänglichkeit erstrahlen. Für mich zählt dieses Werk zwar nicht zu den allerbesten Büchern des Autors, aber es lässt sich zweifellos im oberen Segment anordnen und sollte in diesem Bücherherbst auf keinen Fall ignoriert werden.
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