Schon früh weiß die 14-jährige Adunni genau, was sie will: nämlich Lehrerin werden. Es war der Wunsch ihrer Mutter, dass Adunni eine gute Schulbildung erhält. Doch erst reicht das Geld nicht mehr, dann stirbt sie. Adunnis Vater entscheidet sich, seine einzige Tochter an den wohlhabenden Morufu zu verheiraten, um seine Geldsorgen loszuwerden. Adunni wird die dritte Ehefrau und soll dem alten Mann endlich zu einem Sohn verhelfen. Nie war das Mädchen weiter von seinem Traum entfernt, und ihr Leid wird nur gemildert durch die Güte einer ihrer Mitehefrauen. Als sie eines Tages eine der Mitfrauen begleitet, findet sie sich in einer unangenehmen und auch gefährlichen Situation wieder. Zu bleiben würde bedeuten, der Selbstjustiz des Dorfes zum Opfer zu fallen, und so flieht Adunni nach Lagos. Dort allerdings ist sie ein Niemand und wird auch als solcher behandelt.
Abi Daré hat eine inspirierende Protagonistin erdacht. Adunni möchte ein Mädchen mit einer „lauternen Stimme“ sein, die schon gehört wird, noch bevor sie etwas sagt. Ihrer aussichtslosen Situation ist sie sich bewusst, und dennoch verliert sie nie die Hoffnung, dass ihr irgendwann eine gute Bildung zuteil wird. Ihr Wunsch ist nicht nur eine Selbstheilung, sondern knüpft an die systematische Benachteiligung von Mädchen an, denen eine gute Schulbildung und damit Selbstbestimmung verwehrt wird.
Beim Lesen fühlte ich mich abwechselnd an Khaled Hosseinis „Tausend strahlende Sonnen“ und Karen Köhlers „Miroloi“ erinnert, zwei Bücher, die mir außerordentlich ans Herz gegangen sind. Auch „Das Mädchen mit der lauternen Stimme“ wird einen besonderen Platz in meiner Leseerinnerung behalten!
Bewertung
aus Recklinghausen
5/5
10.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Moderne Sklaverei
Der Roman erzählt die Geschichte von Adunni. Einem jungen Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen, was in einem Dorf in Nigeria aufwächst und viel zu früh ihre Mutter verliert. Eine Mutter die sich für ihre Tochter Bildung wünscht um ihr eine Stimme zu verleihen und arbeitet, um das Schulgeld für Adunni zusammenzubekommen. Nach dem viel zu frühen Tod der Mutter ist der alkoholtrinkende Vater nicht mehr in der Lage weiter Schulgeld für ein Mädchen aufzubringen. Um eigene Schulden zu bezahlen „verkauft“ er seine Tochter an einen alten Mann, mit dem Adunni zwangsverheiratet wird um ihm als seine dritte Ehefrau endlich einen Sohn zu gebären. Dieser Ehe entflieht Adunni, in der Hoffnung in Lagos eine Schule besuchen zu können, doch auch Lagos meint es nicht gut mit mittellosen Mädchen wie Adunni.
Abi Daré hat mit diesem unglaublichen Roman so vielen Mädchen dieser Welt eine Stimme gegeben. Es braucht noch so viel mehr davon, um den Menschen die Augen zu öffnen. Denn auch wenn Sklaverei verboten ist, existiert sie doch noch an so vielen Orten dieser Welt. Dieser Roman berichtet von der Sklaverei in Nigeria, dem Leben was vor allem jungen mittellosen Mädchen dort vorherbestimmt zu sein scheint.
Das Buch ist schrecklich und wundervoll zugleich. Adunni erzählt ihre Geschichte aus der Ich- Perspektive und übte einen gewaltigen Sog auf mich aus. Ich fühlte mich Adunni sehr nah und habe so oft mit ihr gelitten. Ihre Geschichte hat mich unglaublich berührt, vor allem aber ihr Optimismus und ihr Glaube an die Zukunft - eine bessere Zukunft. Dieses Mädchen HAT eine lauterne Stimme!
Gut gefallen hat mir auch die Aufmachung des Buchs. Viele Kapitel beginnen mit Fakten über Nigeria, die nicht selten im folgenden Kapitel das Handeln der Protagonisten für den/die LeserIn verständlich machen.
Das Buch ist bisher mein Jahreshighlight und sollte unbedingt von JEDEM gelesen werden!
Bewertung
5/5
07.08.2022
Buch (Gebundene Ausgabe)
Lange nicht mehr ein Buch gelesen, dass mich so berührt hat
Unbedingt lesenswert! Denkt zum Nachdenken an und hallt auch nach den letzten Seiten noch nach.
Erschreckend, dass das, was Adunni in diesem Buch widerfährt, in vielen Ländern für junge Mädchen Realität ist
Bewertung
aus Heidelberg
5/5
25.12.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Berührend ehrlich
“Das Mädchen mit der lauternen Stimme” ist ein Roman von Abi Dare und wurde 2021 durch den Eichborn-Verlag im Deutschen veröffentlicht. Dabei handelt es sich um die Geschichte eines Mädchens, das sich in einer patriarchalen Gesellschaft Gehör verschaffen will, welche Frauen aktiv versucht zu unterdrücken.
Wir verfolgen Adunni, welche in dem kleinen nigerianischen Dorf Ikati zur Welt gekommen ist und seit dem Tod ihrer Mutter nicht mehr zur Schule gehen darf.
Seit dem ist sie der patriarchalen und konservativen Diktatur ihres Umfelds schutzlos unterworfen - sei es durch ihre Zwangsehe, der gesellschaftliche Druck Kinder zu bekommen oder die Nötigung zu Sex. Dabei sehnt sie sich verzweifelt danach, die Schule besuchen zu dürfen und sich selbst durch Bildung Gehör zu verschaffen.
Dabei kommt Adunni auf ihrem Weg mit unterschiedlichen Lebensrealitäten in Kontakt - vom kleinen Dorf verliert sich Adunni in die Welt der nigerianischen superreichen Frauen und hinterfragt langsam ihre eigene Perspektive.
Der Wert von Frauen innerhalb der nigerianischen Gesellschaft wird schnell deutlich: Schon bei Heiratszeremonien werden Frauen auf ihre „Nützlichkeit“ und „Gebärfähigkeit“ reduziert, während sie meistens den Haushalt allein und ohne Hilfe des Ehemannes finanzieren und leiten müssen. Dabei sind Frauen auch selbst schuld, wenn sie keine Kinder gebären können - die Impotenz und die Unfähigkeit von Männern wird nicht als Möglichkeit betrachtet.
Adunni selbst ist absolut liebenswert: Sie ist hoffnungsvoll und respektvoll, während sie immer auf die Personen um sich herum achtet. Außerdem fällt ihr schwer den Mund zu halten und nicht ständig neue Fragen zu stellen, auf deren Antwort sie ausdauernd pocht. Dabei zeigt sich Adunni entsprechend ihres Bildungsstandes oft Naiv und versteht hin und wieder nicht welche Bedeutung sie haben.
Zielgerichtet versucht sie sich ihren Traum von Bildung zu erfüllen und wird mit dabei mit Gewalt, Vorurteilen und Boshaftigkeit, aber auch mit Liebe, Verständnis und Hilfsbereitschaft konfrontiert.
Sie wird durch die Hoffnung motiviert ihre Bildung ihre tote Mutter stolz zu machen.
Die Handlung selbst hat mich in ein Wechselbad der Gefühle gestoßen: Hin und wieder hätte ich am liebsten das Buch weggelegt, während ich an anderen Stellen das Buch gar nicht aus der Hand legen konnte und mich für Adunni freuen musste oder mit ihr mitleidete.
Das lag daran, dass Dare sich nicht davor gescheut hat Situationen und Handlungen in all ihrer Brutalität, Gewalt und Konsequenzialität zu beschreiben: Es wurde kein Halt davor gemacht gesellschaftliche Kritik, verschissene Abstellkammern, aber auch Vergewaltigungen darzustellen, wobei das immer durch die naive Brille Adunnis geschieht.
Welche Bedeutung die Handlung für Adunni und ihr Leben, aber auch auf ihr Selbstbild, hat wurde klar gezeigt: Sei es die Bedeutung ihrer Zwangsehe, aber auch ihre spätere Arbeit und Bildungsversuche haben sie klar geprägt, ohne dabei gewertet zu werden.
Die Handlung selbst wirkte dabei immer Glaubwürdig, obwohl ich mir gewünscht hätte, dass Adunnis Höhepunkt mehr Raum bekommen hätte, statt nur ein Seite dafür zu verwenden.
Der Schreibstil der Autorin war genial und zeigte, wie aufmerksam und sensibel Dare beim Schreiben war. Das wurde besonders an zwei Aspekten deutlich: Zum einen wurde Adunnis Naivität und Unwissen authentisch in die Geschichte eingewoben, ohne joval zu wirken und zum anderen hat sie ihren Schreibstil an Adunnis Englischkenntnissen angepasst - während am Anfang der Satzaufbau und die Verwendung der Zeitformen stark vereinfacht und holprig verwendet wurden, nahm ihre Komplexität mit Adunnis Erfahrungen zu.
Das war aber auch auf eine andere Weise symbolisch: Die Komplexität des Schreibstils nahm ab dem Zeitpunkt zu, ab dem Adunni begann ihre Stimme zu finden.
Außerdem war zu jedem Zeitpunkt klar, dass die Geschichte aus Adunnis Perspektive erzählt wurde: Beschreibungen wurden immer aus ihrer Sicht geschildert mit ihren Annahmen und Vorurteilen, weswegen es beim Leser lag, wie Erklärungen einzuordnen und zu bewerten waren. Das hat Adunnis Perspektive und Erfahrungen nochmals betont und führte zu sympathischen Vergleichen.
All diese Aspekte, von der Handlung bis hin zum Schreibstil, wirkten geschickt zusammen, um Adunnis Geschichte zu erzählen: Die Geschichte eines Mädchens, das gehört und ihren Wert zeigen will, während sie zu jeder Zeit bereit war alles zu tun, was dafür nötig ist.
Deswegen kann ich das Buch absolut jeder Person empfehlen, die Interesse an einer Character-Driven Geschichte hat und sich von einer starken Figur inspirieren lassen will.
PMelittaM
aus Köln
5/5
25.10.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Buch, das gelesen werden sollte
Adunnis Mutter ist es wichtig, dass Mädchen die Schule besuchen und damit eine Zukunft bekommen, doch nach deren Tod nimmt Adunnis Vater sie von der Schule, und nachdem das Geld immer knapper wird, verheiratet er die Vierzehnjährige mit einem viel älteren Mann, der bereits zwei Frauen und vier Töchter hat. Für Adunni beginnt ein Leben, wie sie es sich nicht gewünscht hat. Trotz allem Leid, das ihr nun widerfährt, gibt sie die Hoffnung nicht auf, eines Tages doch wieder lernen zu können und eine Stimme zu erhalten, eine Stimme, die gehört wird.
Über Adunnis Schicksal zu lesen, ist nicht leicht, vor allem, da die Autorin ihre Protagonistin in Ich-Form selbst erzählen lässt. Adunni wirkt manchmal etwas naiv, in ihrem Dorf hat sie noch nicht viel erlebt, und bisher auch nur wenige Jahre Schulbildung gehabt, aber sie ist sehr wissbegierig, manchmal schon fast zu neugierig, was ihr immer wieder Probleme verschafft. Ihr Glück ist es, dass sie auf Menschen trifft, die versuchen ihr helfen und ihr Schicksal dadurch etwas verbessern, wie z. B. eine der Mitehefrauen, eine alte Freundin ihrer Mutter und ein ghanaischer Koch.
Im Laufe der Zeit kann man miterleben, wie Adunni sich entwickelt. Das schlägt sich auch auf den Sprachstil des Romans nieder, der Adunnis Sprache wiedergibt, und der sich mit ihr entwickelt. Adunnis Beschreibungen sind teilweise sehr bildhaft, auch wenn sie damit nicht immer Schönes erzählt. Das Nachwort der Übersetzerin zu Adunnis Sprache ist interessant zu lesen, auch, wie es ihr gelang, das adäquat ins Deutsche zu übertragen.
Im Laufe der Geschichte erhält Adunni Zugriff auf ein Buch ‚“Fakten über Nigeria“, ab da werden die einzelnen Kapitel mit jeweils einem Fakt überschrieben – und wenn man diese Fakten mit Adunnis Schicksal vergleicht, wird das eigene Entsetzen noch ein bisschen größer. Ich selbst war erstaunt über einige dieser Fakten (z. B. dass Nigeria das afrikanische Land mit dem höchsten Bruttosozialprodukt ist), die laut Autorin, die selbst Nigerianerin ist, authentisch sind.
Mich hat Adunnis Schicksal sehr berührt, vor allem auch, weil ihre Geschichte aktuell ist und daher auf Verhältnisse aufmerksam macht, die immer noch bestehen. Daher ist Abi Darés Debütroman auch ein wichtiges Buch, das gelesen werden sollte. Ich vergebe volle Punktzahl und eine uneingeschränkte Leseempfehlung. Man darf auf weitere Werke der Autorin gespannt sein.
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5/5
29.09.2023
Buch (Gebundene Ausgabe)
Ein Plädoyer für die Bildung! Ein Buch ,dass jedes Mädchen, jede Frau lesen sollte.
Das Buch erinnert mich an "Die Farbe von Milch". Die TB-Ausgabe sieht aus wie "Die Farbe Lila" und von der Stimmung her erinnert es ein wenig an "Als wir Vögle waren".
Adunni ist witzig, Touch, vorlaut, stark und doch innerlich traurig, wütend und verletzt. Abi Darf ist ein starkes Debüt gelungen, ein Plädoyer für die Bildung.
Eine Geschichte die Spaß macht und ehrlich anrührt.
Das Buch spielt in Nigeria und zeigt auf, dass es leider keine Selbstverständlichkeit ist, dass junge Frauen sich bilden dürfen, aber dass der Kampf dafür sich umso mehr lohnt!
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