Nichts überlässt Jot, Mitte fünfzig, dem Zufall. Seine ganze Existenz ist auf Planung und Kontrolle ausgerichtet – bei einer Firma, die Bunker an Superreiche verkauft, hat er den idealen Job gefunden und natürlich auch privat für den Notfall vorgesorgt. Doch dann stößt er bei seiner Laufroutine auf einen Toten und sein sorgfältig errichtetes Absicherungssystem beginnt zu bröckeln. Warum spricht die Polizei von Selbstmord? Zutiefst verunsichert muss Jot erkennen, dass seine Wahrnehmung und Erinnerung außer Kontrolle geraten sind und es Antworten nur geben kann, wenn er es wagt, in die versiegelten Schächte seiner Vergangenheit zu steigen.
Kundinnen und Kunden meinen
4.3/5.0
Bianka
Thalia Book Circle Community
5/5
22.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
So kann es nicht gewesen sein
Ich habe dieses Buch gestern Abend tatsächlich in einem Rutsch durchgelesen. Und das sagt eigentlich schon ziemlich viel darüber aus, wie fesselnd ich die Geschichte fand. Mit 224 Seiten ist es zwar kein besonders langer Roman, aber ich wollte einfach wissen, wie das alles ausgeht.
Jot ist Mitte 50 und ein Mensch, der wirklich alles kontrollieren und für jede noch so schlimme Situation vorbereitet sein möchte. Er arbeitet bei einer Firma, die Schutzbunker an Superreiche verkauft, und natürlich hat er auch für sich selbst vorgesorgt. Und zwar nicht nur ein bisschen. Seine Kontrollsucht geht schon ziemlich weit und hat auch dafür gesorgt, dass seine Schwester, seine Ex-Frau und seine Tochter keinen Kontakt mehr zu ihm haben.
Dann findet Jot beim Laufen einen toten Mann. Die Polizei geht von Selbstmord aus, aber Jot ist überzeugt, dass es Mord gewesen sein könnte. Und genau damit fängt eigentlich alles an.
Was ich richtig spannend fand, war, wie sehr man im Laufe der Geschichte irgendwann selbst nicht mehr weiß, was man eigentlich glauben soll. Jot ist sich bei bestimmten Dingen absolut sicher, während andere Menschen seine Wahrnehmung infrage stellen. Gleichzeitig tauchen immer wieder Erinnerungen aus seiner Kindheit auf, die sich mit der Gegenwart vermischen. Und je weiter man liest, desto klarer wird, dass Jot seine Vergangenheit offenbar nicht ganz so abgespeichert hat, wie sie tatsächlich gewesen sein könnte.
Der Satz „So kann es nicht gewesen sein“ zieht sich dabei wie ein roter Faden durch das ganze Buch.
Und Jot selbst hat mich tatsächlich überrascht. Am Anfang dachte ich schon das eine oder andere Mal: Was ist denn mit diesem Mann los? Seine Kontrollsucht ist teilweise wirklich extrem und ich fand ihn zunächst eher schwierig. Aber je mehr man über seine Vergangenheit erfährt, desto besser versteht man ihn. Und irgendwann hatte ich tatsächlich Mitleid mit ihm. Hinter diesem kontrollsüchtigen und teilweise ziemlich merkwürdigen Mann steckt nämlich ein sehr verletzlicher Mensch.
Ich mochte auch die Atmosphäre des Buches sehr. Die Sprache hat mir richtig gut gefallen und ich fand es spannend, wie sich Gegenwart, Vergangenheit und Jots Erinnerungen immer mehr miteinander vermischen. Auch die Zeitsprünge haben mich überhaupt nicht gestört. Ich weiß, dass das viele Leser nicht mögen, aber für mich war das hier überhaupt kein Problem.
Auch Kafkas „Der Prozess“ wird in die Geschichte eingeflochten, was meiner Meinung nach ziemlich gut zu dieser ganzen Stimmung passt. Dieses Gefühl von Kontrollverlust, Unsicherheit und der Frage, was eigentlich wirklich passiert ist, zieht sich durch den gesamten Roman.
Interessant fand ich außerdem das Thema der Schweizer Schutzräume. Dass es dort aufgrund des seit den 1960er-Jahren bestehenden Schutzraumkonzepts tatsächlich so viele Schutzplätze gibt, war mir vorher überhaupt nicht bewusst. Gerade weil Jot beruflich mit Bunkern zu tun hat und selbst so extrem auf Sicherheit bedacht ist, fand ich diesen Aspekt richtig spannend.
Für mich geht es in dem Buch deshalb nicht nur um die Frage, was mit dem toten Mann passiert ist. Es geht mindestens genauso sehr um Erinnerungen, Wahrnehmung, Verdrängung und darum, wie sehr man seiner eigenen Erinnerung eigentlich vertrauen kann. Und auch darum, dass man sich bei Krisen manchmal Hilfe holen müsste, es aber gerade dann nicht tut.
Das Ende fand ich gut, wenn auch nicht ganz perfekt. Insgesamt hat mich das Buch aber wirklich gepackt. Ich mochte die ungewöhnliche Geschichte, die Atmosphäre und vor allem, wie sich mein Blick auf Jot verändert hat. Ich habe mit einem Mann angefangen, bei dem ich dachte: „Was ist denn mit diesem Mann los?“ und bin bei einem Menschen angekommen, mit dem ich am Ende tatsächlich mitgefühlt habe.
Für mich ganz klar 5 Sterne.
Lesens_werte
4/5
28.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Sicherheitsbedürfnis
Jot lebt als Angestellter der Montag Schutzraumtechnik & Sicherheitsdienstleistungen AG von und für die Sicherheit. Dafür kann er nicht nur das rote Schweizer Zivilverteidigungsheft auswendig, sondern er braucht auch seinen Privatbunker und regelmäßige Routinen. Auf einer dieser Lebensgewohnheiten, der morgendlichen Joggingrunde, findet er eine Leiche. Was die Polizei schnell zu den Akten legt, bringt Jot in wiederkehrende Flashbacks, die mit der Wirklichkeit verschwimmen.
Dass die Schweizer ein bisschen anders sind, ist ein bekanntes Klischee. Dabei ist Jot, eigentlich Johannes, ja Deutscher, der in der Schweiz lebt. Seine Verehrung für die Schweizer Vorkehrungen für "Zeiten erhöhter Gefahr" hat er sich zum Beruf gemacht. Privat ist er eher ein Eigenbrötler, im Arbeitsleben absolut zuverlässig, bisher zumindest. Was wie ein Krimi, eine gewöhnliche Spurensuche beginnt, weitet sich schnell zu psychologischen Tiefgängen aus. Bald wird klar, dass es Erinnerungen und Albträume sind, die von Jot Besitz ergreifen und aus einer früheren Zeit stammen. Dabei blieb der Protagonist für mich leider etwas blass und wenig greifbar. Auch in der Kommunikation mit seiner Tochter wurde er nicht nahbarer. Während mir die Geschichte in ihren Grundzügen sehr gut gefallen hat, waren mir die Wirrungen dann doch zeitweise zu viel und gingen zu Lasten der Spannung und des Gesamtüberblicks.
Bewertung
aus Buchen
4/5
21.08.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Der Tote im Steinbruch
Zeiten erhöhter Gefahr ist ein interessanter Roman über den seelischen Zustand eines Manns mittleren Alters, dessen Leben ziemlich festgefahren ist. Von der Familie schon lange getrennt, lebt er hauptsächlich für die Arbeit.
Als er überraschend einen toten Mann findet, kommt er außer Tritt. Er kann nicht akzeptieren, dass die Polizei das für Selbstmord hält. Er stellt auch sein Leben und seine Vergangenheit in Frage. Gleichzeitig ist aber auch die Gegenwart ein Ort der Unsicherheit geworden.
Julia von Lucadou schreibt ihren Text mit großer Intensität. Aber man sollte keinen Thriller erwarten sondern ein psychologisch ausgefeiltes Buch.
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