In Der Idiot entfaltet Fjodor Michailowitsch Dostojewski die tragische Geschichte des Fürsten Lew Myschkin, eines sanften, epilepsiekranken Heimkehrers aus der Schweiz, der in die moralisch zerrissene Petersburger Gesellschaft eintritt. Zwischen Nastasja Filippowna, Rogoschin und Aglaja gerät seine christlich grundierte Güte in Konflikt mit Leidenschaft, Geldgier, Eitelkeit und sozialer Berechnung. Der Roman verbindet psychologische Analyse, dramatische Dialogführung und philosophische Reflexion zu einem Werk des russischen Realismus, das zugleich die Möglichkeit radikaler Unschuld in einer beschädigten Moderne prüft. Dostojewski schrieb den Roman 1867-1869, nach Haft, Verbannung, Krankheit und existenziellen Schuldenkrisen; diese Erfahrungen prägen seine Darstellung von Schuld, Erlösung und innerer Zerrissenheit. Seine eigene Epilepsie spiegelt sich in Myschkins Wahrnehmungen, während die religiösen und politischen Debatten des 19. Jahrhunderts den geistigen Hintergrund bilden. Der Versuch, einen "vollkommen schönen Menschen" literarisch glaubwürdig zu gestalten, wurde für Dostojewski zu einem künstlerischen und theologischen Wagnis. Der Idiot empfiehlt sich Lesern, die große Literatur nicht als bloße Handlung, sondern als Erkenntnisform begreifen. Wer sich auf Dostojewskis fiebrige Szenen, seine widersprüchlichen Figuren und seine unerbittlichen moralischen Fragen einlässt, begegnet einem Roman von anhaltender Aktualität.
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„Der Idiot“ ist einer der so genannten sechs großen Romane des russischen Schriftstellers Fjodor M. Dostojewski (1821-1881), der zunächst 1868/69 in der Zeitschrift „Russki Westnik“ erschien. Hauptperson ist der junge und liebenswerte „Idiot“ Fürst Myschkin, der unter Epilepsie leidet und nach einem fünfjährigen Aufenthalt in einer Schweizer Heilanstalt wegen einer Erbschaftsangelegenheit nach St. Petersburg zurückkehrt. Im Eisenbahnabteil begegnet ihm der reiche Kaufmann Rogoschin, der ihm von seiner Leidenschaft zu der schönen Nastasja Filippovna Baraschkowa erzählt. Was Myschkin jetzt noch nicht weiß: beide wird er nach seiner Rückkehr in St. Petersburg wiedersehen. Mit seiner unkonventionellen und oft naiven Art passt Myschkin jedoch nicht in die bürgerlich-aristokratische Gesellschaft der Stadt an der Newa. Seine Ehrlichkeit und Vertrauensseligkeit wird als „idiotisch“ angesehen. Nastasja Filippovna wird von Rogoschin ausgehalten und missbraucht; einzig Myschkin sieht in ihr keine Frau von zweifelhaftem Ruf. Der schüchterne Fürst möchte sie aus dieser Abhängigkeit befreien und macht ihr einen Heiratsantrag. Gleichzeitig lernt Myschkin aber auch die anmutige Aglaja kennen, die Tochter eines Generals. Von nun an bestimmen zwei starke Empfindungen sein Leben: die Liebe zu Aglaja und tiefes Mitleid für Nastasja. Natasja flieht vor dem aufdringlichen Rogoschin, der ihr jedoch folgt und sie ersticht. Aglaja, in ihrem Selbstbewusstsein verletzt, verlässt Myschkin, der schließlich in die Heilanstalt zurückgebracht wird, wo sein gestörtes Bewusstsein allmählich erlischt. Die herausstechenden, wiederkehrenden Motive des Romans sind – neben der Dreiecksbeziehung – Todes- und Lebenssymbolik sowie die Verwendung der Epilepsie als Metapher. Wie auch in anderen Romanen schildert Dostojewski in „Der Idiot“ eine russische Gesellschaft, die sich im Umbruch befindet: Im autoritären Zarentum entwickeln sich erste Reformvorstellungen und kommunistische Ideen – eine Art christlich ummantelter Nationalismus. „Die Hauptidee des Romans ist es, einen vollkommen schönen Menschen darzustellen. Etwas Schwierigeres gibt es nicht auf der Welt, besonders heutzutage", schrieb Dostojewski zu seinem ursprünglichen Erzähl-Vorhaben. Außerdem wollte er mit dem Roman seinen Zeitgenossen den Spiegel vorhalten Zum 200. Geburtstag des Schriftstellers hat der S.Fischer Verlag eine preiswerte Taschenbuchausgabe des Klassikers der Weltliteratur herausgebracht – und das in der brillanten Übersetzung von Swetlana Geier.
meine.literaturliebe
4/5
29.05.2021
Buch (Taschenbuch)
anspruchsvolle Literatur
Es war das anspruchsvollste und umfangreichste Buch, das ich bislang gelesen habe. Die ersten 100 Seiten haben sehr viel Geduld von mir abverlangt. Es kamen zu viele Persönlichkeiten vor, die ich erstmal mühsam zusammengebracht habe.
Tipp: Ab Seite 911 befindet sich ein Namensverzeichnis, welches ich leider erst später gefunden habe. Ich habe dieses Buch über mehrere Wochen gelesen, was für meine Verhältnisse recht lang ist. Es ist wahrlich keine Lektüre für "zwischendurch". Für dieses Werk sollte man sich Zeit lassen. Für mich hat sich die Mühe und Geduld gelohnt und das Buch hat mich sehr bereichert.
Zitronenblau
3/5
29.05.2021
Buch (Gebundene Ausgabe)
Großer Roman, keine Frage...
... doch für mich in persona schlichtweg uninteressant. Der Versuch und das Gelingen über einen schönen Menschen, der hierin scheitern muss in Anbetracht weltlicher Relationen mag durchweg hervorragend konstruiert worden sein, jedoch mangelte es mir an Entertainment - ein Don Quijote in der russischen Upper Class des 19. Jahrhunderts ist durchaus bedenkenswert, jedoch fehlte mir das Berauschende, der Sog, das Eintauchgefühl in die vielen, vielen Dialoge, bis ich endlich aufatmend dieses zweifelsohne große Meisterwerk D.'s, den ich by the way vergöttere!, zurückstellen konnte in das Regal. Empfehlen kann ich dieses Buch nur D.-Fans und auch anderen Interessierten - entscheidend bleibt die Schaffung dieses Fürsten als wahrscheinlich einzigartige Gestalt in der Weltliteratur und das macht es dann schon lesenswert, trotz aller Langatmigkeit und Langeweile...
Bewertung
1/5
16.09.2024
Buch (Gebundene Ausgabe)
Diese Ausgabe ist nicht zu empfehlen
In dieser Ausgabe fehlen die Seiten 481 bis 496, bzw. die Seiten 449 bis 464 sind doppelt enthalten - was ich als Sammler und Bibliothekar bisher noch nicht erlebt habe. Das Buch selbst ist - wie jedes Werk von Dostojewski - ganz und gar empfehlenswert.
Bewertung
1/5
02.08.2023
eBook (ePUB)
Textstücke fehlen
In regelmäßigen Abständen fehlen im E-Book Textteile. Ob es sich Halbsätze oder längere Passagen handelt, lässt sich schwer feststellen. Vom Kauf des E-Books ist definitiv abzuraten.
Es ist ein Problem aufgetreten. Bitte laden Sie die Seite neu und versuchen es noch einmal.
5/5
09.09.2024
Buch (Taschenbuch)
Um die Vollkommenheit zu erreichen, muss man zuerst vieles nicht verstehen.
Wer ist dieser Fürst Myshkin, der einem von Beginn an sympathisch erscheint, dieser Sonderling, welcher eine kindliche Unschuld verkörpert und des Öfteren mit seiner daraus resultierenden Naivität den Leser durchweg entzückt. Dieser ganz besondere Mensch scheint der Inbegriff des schönen und guten Idealmenschen zu sein, so dass es nicht so abwegig erscheint eine Parallele zu Jesus zu sehen. Seine Kindheit war geprägt durch eine Isolation vor der Gesellschaft und ihren Konventionen. Genau diese fehlende Unterweisung in ihre Normen wird sich in seinen späteren Handlungen hoffnungslos auswirken. Schon zu Beginn seiner Ankunft in Russland wird er Teil eines Prozesses, der durch unerwartete Geschehnisse einer verborgenen Kausalität zu Folgen scheint, die den Fürsten in eine Welt hineinzieht und ihn nicht mehr loslassen wird. Durch seine unbekümmerte und liebevolle Art wird er schon bald in die soziale Gruppe der Familie Jepantschin involviert.
Es ist seine ungeheure Authentizität, welche der eines Kindes gleicht, die sofort durchblicken lässt, dass er nicht versucht einer entfernten Idealgestalt zu gleichen, sondern vielmehr ohne jeglichen Schein seine Natürlichkeit offenbart. Diese sanftmütige Offenherzigkeit lässt ihn anfällig machen für Intrigen, ganz dem Motto folgend " der Ehrliche ist der Dumme ". Im folgenden Romanverlauf wird er zu einer Art Instanz bei der man sein Leid plagt und sich einen Rat einholt. Er ist niemandem abgeneigt, ob es sein Gegenspieler Rogoshin ist, der ihn sogar umbringen wollte oder eine Gruppe, die sich durch nihilistisches Gedankengut auszeichnet.
Doch Dostojewski zeichnet noch einen anderen Charakter, der zeigt, dass sich das fehlen einer gesellschaftlichen Erziehung auch in einen komplett konträren Phänotypen umschlagen kann. Zu diesen Personen gehört die große Liebe des Fürsten Nastassja Filippowna, die die Regeln der Gesellschaft auf eine andere Art und Weise kompromittiert. Ihre charakterlichen Grundzüge zeichnen sich durch intrigantes rebellenhaftes, aber auch wahnsinniges Verhalten aus. Fürst Myschkin entdeckt allerdings noch etwas anderes an dieser Frau. Bei der Betrachtung einer Fotografie Nastassjas sprechen ihn grenzenloser Stolz, aber auch etwas erstaunlich Gutherziges an, was in ihm mitleidige Gefühle für sie hervorruft. Nastassja entwickelt ebenfalls eine Liebe zu ihm, befürchtet jedoch seine göttliche Unschuld zu verderben und gibt sich daraufhin dem machtgierigen Rogoshin hin, den sie aber immer wieder versetzt und zwischenzeitlich zum Fürsten zurückkehrt. Es entsteht eine komplizierte Dreiecksbeziehung die sich tragisch entwickeln wird.
Das knapp 1000 seitige Werk ist durch eine große Vielzahl an Charakteren geprägt, die so unfassbar psychologisch durchleuchtet werden, dass man als Leser einfach nur über die ungeheure Menschenkenntnis Dostojewskis staunen kann. Es scheint als würde der Autor über eine ganz besondere Anlage zur Empathie verfügen, mit der er seine Protagonisten so realistisch darzustellen vermag. Der Roman ist größtenteils durch sehr lange Dialoge geprägt, die gerne mal 150 Seiten lang sein können, dennoch schafft er es aber an manchen Stellen den Leser durch seine Erzählweise so zu fesseln, dass man sich als ein Teil des Dialoges fühlt und sich in das 19. Jahrhundert zurückversetzt fühlt. Geniales Meisterwerk.
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