Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle
Roman | Shortlist Deutscher Buchpreis 2026. Ausgezeichnet mit dem Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2026
Der Debütroman der Bachmann-Preisträgerin Valeria Gordeev
Eine Familie zwischen Kyjiw, Moskau und Berlin und eine Welt, die aus den Fugen geraten ist
Sprachgewaltig, lustvoll und berauschend: Konstantin und Lada haben den Kontakt verloren. Während Konstantin in einem unterirdischen Forschungslabor festsitzt, das Lenins Leichnam konserviert, kämpft seine Schwester Lada in Berlin mit einer Sanierung, die ihr Wohnhaus unbewohnbar macht. Auch versteht sie nicht, warum ihr Bruder nach Kriegsbeginn in Moskau geblieben ist, doch steckt Konstantin bis zum Hals in Schwierigkeiten, an denen sein Patenonkel nicht unschuldig ist, ein Oligarch mit transhumanistischen Ambitionen, der auch Lada in Bedrängnis bringt. Eine Wunderkammer und ein Höllenritt.
Mit Zeichnungen der Autorin, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen
Ein neues Kapitel für Ihre Bücher
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Ein Ideenfeuerwerk mit utopisch-politischer Aktualität
Dieses Debüt spielt zu einem großen Teil in der Unterwelt, es wird nur von losen Fäden, Wurzeln und Netzen zusammengehalten. Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Lada und ihr 17 Jahre älterer Bruder Konstantin. Sie haben nur noch losen Kontakt miteinander, arbeiten aber beide für Konstantins Patenonkel Boris Bogdanov, einen vermögenden, dubiosen Oligarchen, der vom ewigen Leben träumt und sich über die beiden jungen Leute Knowhow und Ingredienzien beschaffen lässt, die ihn diesem Ziel näherbringen sollen. Dass er Lada und Konstantin mit seiner Obsession in Gefahr bringt, interessiert ihn offenbar nicht.
Konstantin hat seinen Lebensmittelpunkt in die Unterwelt Moskaus verlegt, direkt unter dem Roten Platz, wo der Leichnam des Revolutionsführers Lenin seit 1924 (!) konserviert und aufgebahrt wird. Dem Mausoleum angeschlossen ist ein zwielichtiges unterirdisches Forschungszentrum, das biologische Alterungsprozesse aufhalten will. Boris selbst hat Konstantin diesen Job verschafft. Regelmäßig bekommt der junge Mann konkrete Bestellungen seines Onkels. Den Transport des Diebesguts nach Berlin muss Lada auf dem zeitraubenden Landweg übernehmen – gegen Bezahlung versteht sich. Dieses Geld hat Lada auch bitter nötig. Sie studiert eher unmotiviert und lebt illegal in der Unterwelt der sanierungsbedürftigen, heruntergekommenen Wohnkasernen Berlins. Der chronische Geldmangel macht sie anfällig für fragwürdige Anwerber medizinischer Humanversuche, in denen lebensverlängernde Medikamente getestet werden. Die Mutter von Konstantin und Lada arbeitet indessen relativ konventionell in einer telefonischen Pilzberatung der Mykologischen Gesellschaft. Hier rufen oft verzweifelte Menschen an, die Angst vor einer Vergiftung haben. Pilze zieren nicht zufällig das von der Autorin kunstvoll gestaltete Cover.
Der Leninkult des Staatsapparates hat mit Roman Kokorin, einem Künstler, der unter dem Namen Bogdarion eine radikale, schräg religiöse Sekte anführt, einen Gegenspieler, der Lenins Leichnam vernichten will, weil er in ihm eine Konkurrenz zu Jesus Christus sieht.
Der Roman wird von zahllosen fantastischen Elementen durchzogen, dockt aber auch regelmäßig in der Gegenwart an (teilweise mit alternativen Verläufen). Der Angriffskrieg auf die Ukraine wird schon früh thematisiert. Die Söldnertruppe Wagner unter Jewgeni Prigoschin marschiert tatsächlich auf Moskau. Der russische Staatspräsident verunglückt tödlich und wird von einem hochbegabten Nachfahren der Romanows beerbt. Ein Handlungsstrang führt zurück zur Belagerung Leningrads, als die resiliente Mutter Jelena Jerschkowa ihr eigenes Leben und das ihres kleinen Sohnes mit dem Backen unterschiedlichster Piroggen rettet. (Im Buch findet sich nicht nur ihr legendäres Piroggenrezept, sondern die Pirogge bildet auch ein wiederkehrendes Motiv.)
Soweit der grobe Rahmen. Was Gordeev darum herum gestaltet, ist ein großes sprühendes, fantastisches Ideenfeuerwerk. Man muss sich von Beginn an darauf einlassen, dass man es überwiegend mit einem bunten Potpourri an Perspektiven, Texten und Inhalten zu tun bekommt, aus denen sich eine vielfältige Collage zusammensetzt.
Die verschiedenen Abschnitte werden durch „+++“ voneinander getrennt. Zahlreiche Illustrationen lockern den Text auf. Für sich betrachtet hat nahezu jeder Abschnitt einen hohen Unterhaltungswert. Gordeev beherrscht die deutsche Sprache, spielt mit ihr, schafft fantastische Welten und beeindruckende Bilder. Sie baut Witz und Ironie ein, konstruiert komödiantische Szenen und pointierte Dialoge. Doch auch Machtmissbrauch, Verschwörungstheorien und Gefahren totalitärer Systeme finden ihren Platz. Dabei erweist sich die Autorin als gründliche Beobachterin. Zum Ende hin verlässt der Roman allerdings den realistischen Boden: Robotik, künstliche Intelligenz und Alchemie scheinen in eine magisch-groteske, absurde Zukunftsvision zu führen, von der man sich wünscht, dass sie nur eine Utopie bleibt.
Wer Freude an diesem Roman haben will, darf zunächst keinen übergeordneten Zusammenhang suchen, sondern sollte die umfangreichen Themen- und Zeitsprünge, Abschweifungen, Assoziationen, Unterbrechungen jede für sich genießen. Man kann dieses Buch nahezu überall aufschlagen, los lesen und sich an der Formulierungskunst der Autorin erfreuen, die hier etwas Einzigartiges erschaffen hat, das zweifelsfrei nicht für jeden Leser geeignet ist. Man kann das Buch als Spiegel einer komplexen Welt verstehen. Auch den Bezug zur traditionellen russischen „Maskirowka-Taktik“, einer Methode des Verschleierns, Irreführens und Täuschens, finde ich in diesem Zusammenhang bedenkenswert: Liefere so viel Input, dass das Wesentliche schwer zu greifen ist.
Für die Lektüre dieses umfangreichen Romans braucht man Geduld, Fantasie und eine Portion Lässigkeit. Man sollte mit Lücken, Leerstellen und losen Zusammenhängen keine Probleme haben. Eine Zweitlektüre schadet ebenfalls nicht. Schaut euch die Leseprobe an, blättert an verschiedenen Stellen ins Buch hinein. Dann wisst ihr, ob es für euch passt oder nicht. Ich kann dieses an Bulgakows „Der Meister und Margarita“ erinnernde Ideen- und Sprachfeuerwerk nur mit Bestwertung ausstatten, weil es mich nachhaltig fasziniert und in meinen Augen großen künstlerischen Wert besitzt.
Eternal-Hope
aus Österreich
5/5
26.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wovon will die Zikadenhülle ablenken?
Es lohnt sich, vor der Lektüre dieses Buches den Titel nachzurecherchieren: dabei handelt es sich nämlich um eines von 36 klassischen chinesischen Strategemen und es geht um ein Täuschungsmanöver: mit einer leeren, aber glänzenden, alle Aufmerksamkeit auf sich ziehenden, Hülle davon abzulenken, dass man längst woanders ist und im Verborgenen ganz was anderes plant. Für mich war ebenfalls hilfreich, über die russische Militärstrategie der „Maskirowka“ nachzulesen, bei der es ebenfalls um Tarnung, Täuschung und Ablenkung geht.
Mit diesem Hintergrundwissen hat sich für mich nämlich in diesem Buch ein roter Faden gezeigt, der anders nicht unbedingt auf den ersten Blick sichtbar ist. Das Buch besteht aus einer unglaublichen Fülle anfangs völlig unzusammenhängend erscheinender einzelner Geschichten, Textsorten und Themen, bei denen sich der große Zusammenhang erst auf den zweiten, dritten oder vierten Blick erschließt.
Beispielsweise geht es um eine 14-jährige schwangere Russin während der Blockade Leningrads im Zweiten Weltkrieg, die das Mehl für Teigtaschen streckt, um zu überleben, es geht um den noch immer konservierten Körper Lenins in einem Moskauer Mausoleum und ein mysteriöses unterirdisches Forschungsinstitut daneben, um einen reichen Oligarchen, seine dunklen Geschäfte und das Streben nach der Verlängerung menschlichen Lebens bis zum Erreichen der Unsterblichkeit, aber auch um prekäre Wohnverhältnisse in Berlin, um den Ukrainekrieg, um Beratung zur Giftigkeit von Pilzen, um den Vergleich verschiedener Sprachen und Schriftsysteme, um die Entfremdung zwischen Geschwistern und das Sich-Fremd-Fühlen in der Gesellschaft, in der man lebt, um Vertrauen und Misstrauen und um vieles mehr.
Ja, die Themen sind so viele, dass man sich beim Lesen erst einmal fast erschlagen fühlen kann davon. Auch stilistisch und künstlerisch ist das Buch äußerst vielfältig gestaltet, dabei hat die Autorin auch die grafische Covergestaltung übernommen und es findet sich viele kleine von ihr gezeichnete Illustrationen im Buch, auch wechseln Erzählstil, Textsorte und Perspektive viele Male. Das macht das Leseerlebnis zum einen sehr interessant, zum anderen aber auch anstrengend bis überwältigend.
An dieser Stelle sei auch ganz deutlich gesagt: es handelt sich um ein sehr forderndes Buch mit über 600 dicht erzählten Seiten, die eben nur in einem sehr losen, sich oft nur mit Mühe erschließenden Zusammenhang stehen. Es gibt zwar den Rahmen der Geschwister Lada und Konstantin, der sehr lose die verschiedenen Teile miteinander verbindet, doch dieser alleine trägt nicht in einer Art und Weise, dass die Spannung der Handlung an sich zum Weiterlesen animieren würde. Dieses Buch zu lesen ist harte Arbeit gewesen, selbst für eine Vielleserin wie mich, die anspruchsvolle Lektüre gewohnt ist.
Es findet sich dermaßen viel Verschlüsseltes, Rätselhaftes und Unklares in diesem Buch, dass man sich am besten viele Notizen macht, viel parallel recherchiert und auch dann noch so einiges im Unklaren bleiben wird. Ich habe aber den Eindruck, das ist bei diesem Buch kein Fehler, sondern bewusste Intention. Denn wenn wir das Buch unter der Brille des titelgebenden Strategems und der Strategie der Maskirowka betrachten, dann ist es ein Meisterwerk darin, genau diese zu zeigen und erlebbar zu machen.
Wir werden als Lesende mit so vielen Informationen, Themen, Stilen und Handlungssträngen konfrontiert, dass es fast unmöglich wird, das Wesentliche zu erkennen. Unsere Aufmerksamkeit wird gezielt verwirrt. Sodass im Hintergrund heimlich getan werden kann, was getan werden will. Was auch immer das sei. Hier spiegelt sich der aktuelle kriegerische Konflikt mit Russland, wo auch viel spekuliert wird, in welche Richtung das nun gehen wird. Aber noch so vieles mehr. Und getäuscht wird jeder und jede in diesem Roman: wir als Lesende, aber auch Konstantin und Lada selbst, wie sich später zeigen wird.
Nein, es ist wirklich keine leichte Lektüre. Aber eine lohnende, die mich auch jetzt, Wochen nach Beendigung des Buches, noch viel zum Nachdenken bringt. Es braucht große Meisterschaft und ein sehr komplexes, fantasievolles und doch in sich konsistentes Denken, so viele Themen unter dem Schleier der Maskierung so grandios miteinander zu verweben, dass der Effekt der Täuschung, Tarnung und Ablenkung nicht nur lesbar, sondern erlebbar wird. Damit ist dieses so anspruchsvolle Buch ein Stück literarische Selbsterfahrung für die Leserinnen und Leser.
Ich kann das Buch all jenen empfehlen, die bereit sind, intensive Lesearbeit in ein außergewöhnliches, sich nicht leicht erschließendes Werk zu investieren, das seinesgleichen sucht. So etwas hat man noch nicht gelesen und wird man wohl auch nicht so bald wieder lesen. Zwar rauchte mein Kopf nach der Lektüre, doch war ich gleichzeitig auch fasziniert von all dem Rätselhaft-Mysteriös-Verschleierten. Ein würdiger Kandidat für den Deutschen Buchpreis, auf dessen Shortlist es sich momentan befindet!
hamburg.lesequeen
aus Bargfeld-Stegen
4/5
23.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Skurril und ungewöhnlich
DIE ZIKADE ENTSCHLÜPFT IHRER GOLDGLÄNZENDEN HÜLLE
Valeria Gordeev
ET: 26.08.26
Was passiert, wenn unsere Realität nur ein kleines bisschen anders abbiegt? Valeria Gordeev nimmt genau diese Idee und entwickelt daraus eine völlig verrückte Welt, in der irgendwann ein zwölfjähriger Zar das russische Staatsoberhaupt ist. Klingt absurd? Ist es auch. Und zwar auf die beste und gleichzeitig ziemlich verstörende Art.
Im Mittelpunkt stehen die Geschwister Konstantin und Lada, die unterschiedlicher kaum leben könnten. Konstantin arbeitet in einem völlig skurrilen Moskauer Forschungsinstitut, während Lada sich in Berlin mit Baustellen, Geldsorgen und dem ganz normalen Wahnsinn des Lebens herumschlägt.
Und dann gibt es da noch Pilze, Piroggen, ein Jesus-Double, Wissenschaftler, Verschwörungen und jede Menge Figuren, bei denen man sich zwischendurch fragt, was das alles eigentlich miteinander zu tun hat.
Genau hier lag für mich allerdings auch die Schwierigkeit des Buches. Es gibt unglaublich viele Ideen, Figuren und Handlungsstränge und ich habe zwischendurch nicht immer den roten Faden gefunden. Vieles fügt sich zwar später zusammen, aber bis dahin war ich manchmal etwas verloren.
Trotzdem hat mich dieser Roman mit seiner absurden Fantasie, seinem schwarzen Humor und den völlig unerwarteten Einfällen immer wieder überrascht. Ein Buch, das sich ganz sicher nicht nach Schema F erzählen lässt.
Fazit:
Skurril, ungewöhnlich und ziemlich abgefahren. Nicht immer leicht zu folgen, aber definitiv ein Roman, über den man nach dem Lesen noch ein bisschen nachdenkt.
Chancen auf den Buchpreis? Ich lehne mich jetzt mal ganz weit aus dem Fenster und sage: Ich glaube, dieses Buch gewinnt den Deutschen Buchpreis 2026. Am 5. Oktober erfahren wir es.
Bewertung
Orell Füssli Book Circle Community
4/5
22.09.2026
eBook (ePUB)
Zwischen Tod, Hülle und Unsterblichkeit
Konstantin und Lada haben den Kontakt zueinander verloren. Während Konstantin in Moskau in einem Institut arbeitet, das Lenins Leichnam konserviert, lebt Lada in Berlin und kämpft mit ganz anderen Problemen. Von dort verzweigt sich der Roman in immer neue Richtungen: Politik, Religion, Wissenschaft, Unsterblichkeit, Erinnerung, Technik, Medien und vieles mehr.
Am Anfang hatte ich ziemlich Mühe mit diesem Buch. Oder besser gesagt: mit diesen Geschichten, denn lange wusste ich überhaupt nicht, was eigentlich die Geschichte ist. Es gibt sehr viele Stränge, und fast alle werden extrem ausführlich erzählt. Man bekommt Informationen, Abschweifungen, Nebengeschichten und Details ohne Ende. Weil Gordeev gleichzeitig sehr präzise und genau schreibt, kann man sich darin komplett verlieren. Ich habe mich ständig gefragt: Was davon ist wichtig? Was gehört zusammen? Und was ist einfach nur Hintergrundrauschen?
Irgendwann änderte sich aber etwas. Nicht unbedingt, weil ich plötzlich alles verstand, sondern weil ich gelernt hatte, wie ich dieses Buch lesen muss. Ich habe akzeptiert, dass nicht jede Information sofort einen Sinn ergeben muss. Und tatsächlich beginnen sich später immer mehr Dinge miteinander zu verbinden. Manches, das vorher völlig nebensächlich oder absurd wirkte, bekommt plötzlich eine Bedeutung. Das hat meine Meinung über das Buch im Laufe der Lektüre ziemlich verändert.
Die Sprache fand ich dabei durchgehend stark. Gordeev schreibt nicht verschwommen oder beliebig, sondern im Gegenteil extrem präzise und detailgenau. Ausufernd ist vor allem die Form. Sie kann sich über eine Kleinigkeit seitenlang ausbreiten, aber sprachlich weiß sie sehr genau, was sie tut. Gerade dadurch entsteht dieses eigenartige Verhältnis zwischen Genauigkeit und Überforderung.
Mit der Zeit habe ich darin auch etwas sehr Gegenwärtiges gesehen. Wir leben ebenfalls in einer Welt voller Informationen: Nachrichten, Social Media, Werbung, Bilder, Videos, KI, echte und erfundene Geschichten. Alles kommt gleichzeitig, und wir müssen selbst herausfinden, was wichtig ist, was stimmt, was zusammengehört und was bloß Rauschen ist. Beim Lesen dieses Romans muss man eigentlich genau dasselbe tun.
Einen einzigen klaren Kern gibt Gordeev einem nicht. Für mich kreist das Buch aber stark um die Frage:
Was bleibt von einem Menschen übrig, wenn wir versuchen, ihn festzuhalten?
Dabei geht es immer wieder um Körper, Tod, Erinnerung, Religion, Technik und um die Geschichten, die Menschen über sich selbst und die Welt erzählen. Auch die Frage, wie Wirklichkeit aus Informationen und Erzählungen entsteht, zieht sich für mich durch den ganzen Roman. Was ist wahr? Was ist Erinnerung? Was ist Konstruktion? Und wie sicher können wir überhaupt sein, dass wir den Unterschied erkennen?
Nicht alles daran hat für mich funktioniert. Das Verhältnis von wichtigen Gedanken zu Materialfülle war teilweise brutal, und manches hätte ich auch nach dem Ende nicht gebraucht. Das Buch fordert enorm viel Aufmerksamkeit und Gedächtnis. Trotzdem sehe ich diese Fülle im Nachhinein nicht mehr einfach nur als Schwäche. Sie gehört zu dieser Art des Erzählens.
Auch das letzte Kapitel löst nicht alles auf. Im Gegenteil. Aber gerade das passt erstaunlich gut zu diesem Roman. Er gibt einem keine fertige Moral und keine saubere Erklärung für alles.
Nach 636 Seiten kann ich vor allem sagen: Ich bin froh, dass ich drangeblieben bin. Es war eines der ungewöhnlichsten Leseerlebnisse, die ich in letzter Zeit hatte. Anstrengend, teilweise frustrierend, oft faszinierend und am Ende deutlich beeindruckender, als ich während der ersten Hälfte erwartet hätte.
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5/5
28.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Deutscher Buchpreis 2026 - mein heißer Favorit
Valeria Gordeev schleudert ihre Leser:innen in ein Romanlabyrinth aus Absurdität, politischer Brisanz und sprachlicher Brillanz. Zwischen Kyjiw, Moskau und Berlin jongliert sie die Geschichten der Geschwister Konstantin und Lada – er in einem unterirdischen Forschungslabor, das Lenins Leichnam konserviert, sie in Berlin mit Sanierungschaos und familiären Rätseln. Was zunächst wie ein wirres Durcheinander wirkt, entpuppt sich als meisterhaft verwobenes Strategem: Täuschung, Tarnung, Ablenkung – genau wie der Titel verspricht.
Gordeev erzählt nicht linear, sie fabuliert lustvoll und berauschend. Agenturmeldungen, Illustrationen, Online-Kommentare, kafkaeske Szenen und grandiose Figuren wirbeln durcheinander – und genau das ist der Rausch. Die Sprache ist präzise, poetisch, witzig. Politische Relevanz und Absurdität verschmelzen so geschickt, dass man nicht weiß, ob man lachen oder nachdenklich sein soll. 640 Seiten voller unerschöpflicher Ideen, die manchmal überfordern, aber genau deshalb begeistern.
Die Ausstattung mit Zeichnungen der Autorin, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen macht es zum Hochgenuss für Auge und Geist. Ein Debütroman, der sich zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises tummelt – und den man mindestens zweimal lesen muss, um alle versteckten Nuancen zu entdecken.
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5/5
12.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Zwischen Lenin und Sanierungschaos: Ein Debütroman über Geschwister in der Krise
Valeria Gordeev wirft ihre Leser:innen in ein herrliches Romanlabyrinth, in dem man sich wunderbar verlaufen darf — wer braucht schon lineare Erzählungen, wenn man stattdessen zwischen Kyjiw, Moskau und Berlin jonglieren kann? Die Figuren sind so schrullig und liebenswert, dass man sie am liebsten zum Kaffee einladen würde, auch wenn Konstantin gerade in einem unterirdischen Labor festsitzt, das Lenins Leichnam konserviert (ja, wirklich). Mit präziser, poetischer Sprache und einem feinen Sinn für Komik schafft es Gordeev, politische Relevanz und Absurdität so geschickt zu verweben, dass man gar nicht mehr weiß, ob man lachen oder nachdenklich sein soll. Die Ausstattung mit Zeichnungen der Autorin, farbigem Vorsatzpapier und Lesebändchen macht das Ganze zu einem Hochgenuss für Auge und Geist. Ein Debütroman, der sich zu Recht auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises tummelt und den man mindestens zweimal lesen sollte, um alle versteckten Nuancen zu entdecken.
Wunderbar anspruchsvoll!
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5/5
06.09.2026
Buch (Gebundene Ausgabe)
Wahnwitzig und kafkaesk
Willkommen in einem herrlichen Romanlabyrinth! Begeisterung ist der mildeste Eindruck, der sich nach der Lektüre des Buches aufdrängt. Flüssig lesbar mit einer präzisen, poetischen Sprache fächert Gordeev eine reichhaltige Handlung auf. Die Figuren sind ebenso schrullig, wie liebenswert. Obwohl Gordeev nicht linear erzählt - der Leser muss sich den Weg durch die Handlung selber bahnen & droht manchmal den Überblick zu verlieren - ist der Roman ein Hochgenuss. Politische Relevanz und einen gewissen Sinn für Komik miteinander zu verschmelzen, gelingt der Autorin, in ihrem Debütroman, meisterhaft. Dabei blendet sie mühelos Agenturmeldungen, Illustrationen und Online-Kommentare nebeneinander. Ein Buch, dass man sicherlich mehrmals lesen muss, um alle Nuancen zu entdecken.
Valeria Gordeev darf sich zu Recht, gute Chancen auf den deutschen Buchpreis ausrechnen.
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